Menschen.  Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten

Ausgabe 2/2022: Heftthema: Szenisches Verstehen


Intro:


Josef Fragner, Chefredakteur

Szenisches Verstehen

Der Titel dieses Heftes erinnert an Alfred Lorenzer, den deutschen Soziologen und Psychoanalytiker, der dieses Jahr seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. Beim „Szenischen Verstehen“ wird alles, was nicht gesagt wird, als Mitteilung zu verstehen versucht. Durch Selbstreflektion – in der Gruppe – sollten wir in der Lage sein, zugleich unsere Gefühle und den anderen im Blick zu haben. Ziel des Szenischen Verstehens ist die Rekonstruktion – die „Resymbolisierung“ – des lebensgeschichtlichen Sinns.

Manfred Gerspach, der diese Nummer kuratiert hat, rahmt mit seinen Beiträgen den Thementeil ein. Zunächst beschäftigt er sich mit den unbewussten Abwehrmechanismen gegen Inklusion, die einer emanzipativen Praxis entgegenstehen. Er beklagt den Erkenntnisverlust, da meist hehre ethische Bekundungen an die Stelle einer kritischen Aufklärung getreten sind. Der zweite Beitrag setzt sich mit Bildung unter dem Vorzeichen einer geistigen Behinderung auseinander. Bildung ist Sinnstiftung durch die „Erarbeitung von geteilten Bedeutungen“. Ursula Pforr lässt uns in ihre Emotionen blicken, die sie bei einem konkreten Fall begleiteten, da die Wahrnehmung der Gefühle die Grundlage für Szenisches Verstehen darstellt. „Szenisches Verstehen besteht darin, Stimmungslagen des Gegenübers empathisch wahrzunehmen und auf der emotionalen Ebene angemessen zu reagieren.“ Achim Würker stellt Überlegungen an, was Szenisches Verstehen bei Pädagog:innen dazu beitragen kann, sowohl schonend mit sich selbst als auch förderlich mit ihrem Gegenüber umzugehen. „Es ist eine Offenheit anzustreben, die nicht durch rasche Diagnosen oder Theoretisierungen eingeschränkt oder verhindert wird.“

Marian Kratz und Katharina Hendricks verstehen ihren Beitrag als Anregung für pädagogische Fachkräfte, sich der eigenen Praxis in ihrem bildhaften, szenischen und häufig nicht sprachlichen Verlauf neugierig und selbstreflexiv zuzuwenden. Szenisches Verstehen wird in der Regel vorangetrieben durch die Diskussion in einer Gruppe mit verschiedenen Verstehenszugängen. Das zeigen Alina Brehm, Matthias Monecke und Hauke Witzel anhand von Szenen des Films „24 Wochen“. Dabei entflammt eine heftige Gruppendiskussion darüber, was schlimmer ist: geistige Behinderung oder Herzfehler? „Es ist notwendig, die ‚Wahrheit über uns selbst besser ertragen zu lernen‘ (Mitscherlich), damit wir Aggressionen, Ekel und alle weiteren moralisch verpönten Affekte als Gesellschaft und als Subjekte nicht mehr latent an Menschen mit Behinderung ausagieren.“
Während unserer Arbeit an diesem Heft überschlugen sich die schrecklichen Ereignisse in der Ukraine. Vielen behinderten Menschen in der Ukraine ist es nicht möglich, sich in Sicherheit zu bringen. Sie sitzen in Rollstühlen und müssen in ihren Wohnungen ausharren, wenn die Bomben fallen. Sie können die schützenden Bunker nicht erreichen, nur manche schaffen die Flucht. Wie es ihnen ergeht, beschreibt Oliver Schulz in seiner Reportage. Wie begegnen wir Geflüchteten, die vielfach traumatisiert und schrecklicher Gewalt ausgeliefert waren? Eva Barnewitz zeigt an konkreten Beispielen auf, was wir alle tun können. David Zimmermann richtet seinen Blick auf die pädagogischen Handlungsmöglichkeiten. Die Strukturierung des Alltags durch die Schule gewinnt gerade in extremen Lebenssituationen an enormer Bedeutung. Nadja M. Burgio weist darauf hin, dass Menschen mit komplexer Behinderung oft traumatisierenden Lebenserfahrungen ausgesetzt sind. Antonio Aragón Renuncio war im Donbas, wo der Krieg schon jahrelang wütet, und hielt mit seiner Kamera die Narben des Krieges fest. Solche Wunden werden auch nach dem Frieden, den wir alle so sehnsüchtig erhoffen, nicht so schnell verheilen.

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