Richter präsentiert Kükelhaus

Richter Spielgeräte präsentiert Hugo Kükelhaus (*1900 | †1984)

menschengemäße Lebensumwelt

Hugo Kükelhaus war ein universeller Denker, Bau- und Möbelschreiner, Künstler, an Fragen der Philosophie, Pädagogik, Umwelt, Architektur … interessierter Schriftsteller [1], der sich keiner Fachrichtung fest verschrieb, sondern in seinem Denken und vielfältigen Tätigkeiten Verbindungen zwischen den Disziplinen herstellte. Zeitlebens ging es ihm um eine ‚menschengemäße‘ Lebensumwelt.
„Was uns erschöpft, ist die Nichtinanspruchnahme der Möglichkeiten unserer Organe und unserer Sinne, ist ihre Ausschaltung, Unterdrückung … Was aufbaut, ist Entfaltung. Entfaltung durch die Auseinandersetzung mit einer mich im Ganzen herausfordernden Welt.“[2]

Erfahren von ‚Ganzheiten‘

Der Frage nach einer kindgemäßen oder menschgerechten Umwelt versucht Kükelhaus in fast allen seiner praktischen und theoretischen Arbeiten nachzugehen. Er begnügt sich jedoch nicht damit, Umwelt neu gestalten zu wollen, sondern in Rückbesinnung auf den Menschen selbst und seine individuellen Bedürfnisse und Möglichkeiten, das Mensch-sein und sein Erschließen von Welt neu zu bedenken.
Ihm geht es in einer Welt, die gefährdet ist durch einseitige Polarisierungen, durch einseitige Betonung des Intellektes, durch erfahrungs-leere Umwelten und sinn-leere Beziehungen, um das Erfahren von ‚Ganzheiten‘. Ihm geht es um den Zusammenhang von Greifen und Be-greifen, von Stehen und Verstehen, von Hören und Vernehmen, von Sehen und Schauen [3]. Kükelhaus will einer immer eintöniger werdenden Umwelt, die sinnliche Wahrnehmung beschränkt und körperlichen Erfahrungsmöglichkeiten immer weniger Spielraum gibt, Erlebnismöglichkeiten gegenüberstellen, in denen Menschen in Verbindung mit physikalischen und physiologischen Regeln ihre Sinne und Körpererfahrungen aktivieren können.

Erfahrungsfeld der Sinne

Mit der Entwicklung des ‚Erfahrungsfeldes der Sinne‘, von dem erste Geräte 1967 auf der Expo-Weltausstellung in Montreal gezeigt wurden und das erstmalig vollständig mit seinen 40 Exponaten 1975 auf der Internationalen Handwerksausstellung EXEMPLA in München präsentiert wurde, wurde Kükelhaus international bekannt und es gelang ihm damit, sein Anliegen einem breiten Publikum nahe zu bringen [4]. In den Folgejahren wanderte das Erfahrungsfeld an zahlreiche Orte im In- und Ausland. Es entstanden zudem an verschiedenen Stellen feste Ausstellungen (z. B. Schloss Freudenberg, Essen, Kassel, Troisdorf, Welzheim) mit teilweise an Kükelhaus angelehnten Konzepten. Auch in den Sinnesgärten und -parks von Kindergärten, Behinderten- und Senioreneinrichtungen stößt man häufiger auf Elemente aus dem Erfahrungsfeld (z. B. Sinnespark – Alexianer Münster, Schwarzacher Hof, St. Josef-Haus, Liesborn).

Graubner Spielstationen

Die Firma Richter Spielgeräte in Frasdorf besitzt seit 2005 die Eigentumsrechte an den Spielstationen zur Entfaltung der Sinne, die sie zuvor bereits vertrieben hatte. Mit Unterstützung des Designers Wolfram Graubner, der über viele Jahre gemeinsam mit Hugo Kükelhaus die Spielstationen entwickelte und baute und heute als freiberuflicher Berater und Planer für die Firma tätig ist, werden heute die ‚Graubner Spielstationen zur Entfaltung der Sinne nach Hugo Kükelhaus‘ hergestellt, weiterentwickelt und vertrieben. Auch zahlreiche andere Spielobjekte anderer Designer der Firma Richter knüpfen mit ihren Möglichkeiten Licht, Klang, Raum, Geruch, Raum, Bewegung, Symmetrie … zu erfahren, an die Ideen von Kükelhaus an.

Spielen in Vielfallt

Die Firma Richter Spielgeräte ist mit ihren Spiellandschaften, die weit über die Spielstationen von Kükelhaus hinaus gehen, mittlerweile weltweit präsent. Eine Leitidee seit den Anfängen der 70er Jahre ist dabei das Ziel ‚gemeinsam spielen‘. Dies beinhaltet auch, das Anderssein, ob durch Behinderung, ethnische Herkunft, Alter … in einem guten Miteinander zu ermöglichen. Es geht letztlich um ein Spielen in Vielfallt, in generationsübergreifenden Spielräumen in einer Atmosphäre des Wohlbefindens, in der das Agieren und Interagieren im Miteinander im Vordergrund steht [5].

Potentiale für (erwachsene) Menschen mit schwerer Behinderung

Worin liegen die Potentiale der nachfolgend präsentierten Spielstationen und -objekte für erwachsene Menschen mit schwerer Behinderung?
Zur 600 Jahrfeier der Universität zu Köln hatte der damalige Lehrstuhlinhaber für Pädagogik bei geistiger Behinderung, Prof. Dr. Walther Dreher, die Wanderausstellung ‚Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne‘ auf den Campus der Heilpädagogischen Fakultät eingeladen. Dort wurden ca. 40 Experimentier- und Spielstationen präsentiert, an denen sich die Besucher_innen ausprobieren konnten. Der Autor dieses Beitrags besuchte damals mit seiner Klasse mit geistig- und schwerbehinderten Schüler_innen diese Ausstellung und kam selber zum ersten Mal in Kontakt mit Hugo Kükelhaus.

Kükelhaus Erfahrungsfeld der Sinne – großer Gong
Kükelhaus Erfahrungsfeld der Sinne – Duftorgel
Kükelhaus Erfahrungsfeld der Sinne – Geruchskrüge
Kükelhaus Erfahrungsfeld der Sinne – Wasserstrudel
Kükelhaus Erfahrungsfeld der Sinne – Impulskugeln
Kükelhaus Erfahrungsfeld der Sinne – Kaleidoskop

Voraussetzungslose Spielobjekte

Die Jugendlichen hatten dort die Möglichkeit, mit den quasi voraussetzungslosen Spielobjekten, etwas zu erleben, sich zu erleben und andere zu erleben. Sie konnten in diesem Erlebnisraum, unabhängig vom Ausmaß ihrer jeweiligen Behinderung eine für sie faszinierende Spielumwelt sinnlich wahrnehmen und körperlich erfahren, oder nochmals mit Dreher: „den Zusammenhang von Greifen und Be-greifen, von Stehen und Verstehen, von Hören und Vernehmen, von Sehen und Schauen“ [6] erleben. Es zeigte sich, dass gerade Menschen, die Schwierigkeiten haben, sich ihre Welt denkend und in Bewusstseinsakten zu erschließen, in der unmittelbaren Begegnung und tätigen Auseinandersetzung mit den Spielobjekten ihre Umwelt sinnstiftend erschließen konnten.
Die Einflüsse, die Kükelhaus auf die ‚Schwerstbehindertenpädagogik‘ gehabt hat, konnten hier nur angedeutet, können aber vertiefend bei Dederich (1996), Dreher (1988) und Fornefeld & Dreher (1990) nachgelesen werden.

Entwicklungsgemäß und altersunabhängig

Eine weitere Stärke der im Folgenden präsentierten Materialien, dies wurde bereits oben angesprochen, liegt darin, dass mit ihnen generationsübergreifende Spielräume mit einer Atmosphäre des Wohlbefindens geschaffen werden können (s. o.), oder mit anderen Worten, sie sind aufgrund ihrer basalen voraussetzungslosen Zugänge einerseits entwicklungsgemäß und gleichzeitig in ihrer ästhetischen Gestaltung altersunabhängig.

Impulse für Weiterentwicklungen

Ein weiterer Aspekt, der bislang kaum Beachtung gefunden hat, kann hier nur angedeutet werden. Die meisten Spielobjekte von Kükelhaus, wurden bis auf wenige Ausnahmen als Großobjekte für Parkanlagen, Ausstellungen, Sinnesgärten … entwickelt und werden auch so vertrieben. Die Potentiale, die sich aus den Spielobjekten von Kükelhaus, aber auch der Firma Richter für die Gestaltung von Spielzeug, aber auch für die Gestaltung von Innenräumen ergeben, wurden bislang kaum genutzt. Unter diesem Aspekt verstehen wird die nachfolgende Präsentation auch als Impuls, als Ideensammlung für die kreative Weiterentwicklung neuer Spielmittel.

Die Fotos, Grafiken und Texte in den nachfolgenden Präsentationen sind (teilweise modifiziert) der Webseite der Richter Spielgeräte GmbH entnommen.

[1] vgl. Dederich 1996, S. 11 [2] Kükelhaus zit. nach HUGO KÜKELHAUS GESELLSCHAFT E. V. SOEST o. J. [3] vgl. Dreher 1988, S. 3 [4] vgl. HUGO KÜKELHAUS GESELLSCHAFT E. V. SOEST o. J. [5] vgl. Spielgeräte Richter o. J. [6] vgl. Dreher 1988, S. 3

Icon für Literatur

Bartsch, E. & Kahle, A. (Hg.) (1992): Spielzeugwerkstatt 1. Spielsachen zum Selbermachen für behinderte und nichtbehinderte Kinder. Berlin: FIPP-Verl.

Bartsch, E.; Kahle, A. & Engelmann, S. (Hg.) (1995): Spielzeugwerkstatt 2. Spielsachen zum Selbermachen für behinderte und nichtbehinderte Kinder. Berlin: FIPP-Verl.

Bartsch, E.; Kahle, A. & Engelmann, S. (Hg.) (1998): Spielzeugwerkstatt 3. Spielsachen zum Selbermachen für behinderte und nichtbehinderte Kinder. Neuwied: Luchterhand.

Bernasconi, T./Böing, U. (2019):: Potentiale des Spiels im Rahmen nicht ausgrenzender Pädagogik. In: Riegert, J. et al. (Hgg.): Spielen. Menschen mit schwerer Behinderung und die Potentiale des Spiels. Aachen: Mainz, S. 123-138.

Bertrand, A./ Stratmann, E. (2002): Basales Theater im Unterricht. Schüler mit schweren Behinderungen stehen im Rampenlicht. Dortmund: Verlag modernes Lernen.

Böhm, W. (1983): Wider die Pädagogisierung im Spiel. In: Karl Josef Kreuzer (Hg.): Handbuch der Spielpädagogik. Das Spiel unter pädgogischem, psychologischem und vergleichendem Aspekt. Düsseldorf: Schwann (Handbuch der Spielpädagogik, 1), S. 281–293.

Dederich, M. (1996): In den Ordnungen des Leibes: Zur Anthropologie und Pädagogik von Hugo Kükelhaus. Münster: Waxmann-Verlag.

Dreher, W. (1988): Kükelhaus – eine Provokation für Wissenschaft und Universität. Vortrag zur Eröffnung des ‚Erfahrungsfeldes zur Entfaltung der Sinne‘ am 21.5.1988. Universität zu Köln, Unveröffentl. Manuskript.

Eltern helfen Eltern e.V. (1990): Bewährtes Spiel- und Fördermaterial für Mehrfach-Schwerstbehinderte‘ – Ein Erfahrungsaustausch zwischen Eltern, Betreuern und Gestaltern. Eigenverlag: Berlin-Brandenburg.

Eltern helfen Eltern e.V. (2020): Eltern helfen Eltern e.V. in Berlin-Brandenburg – Chronik 1990-2020. Eigenverlag: Berlin-Brandenburg.

Fachhochschule Niederrhein – Fachbereich Design [Hg.] (1984)/85: Arbeitsbericht zum Forschungsprojekt „Empirische Untersuchungen zu Spiel- und Lernmaterialien in der Behinderten

Fornefeld, B. (2016): mehr

Fornefeld B. & Dreher, W. (1990): Die Schule als Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne – Die Schule als Erfahrungswelt zur Entfaltung von Sinn für Menschen mit sogenannter schwerer geistiger Behinderung?“. In: Verband Deutscher Sonderschulen (Hg.): Entwicklungsförderung schwerstbehinderter Kinder und Jugendlicher. Tagungsbericht zur Fachtagung vom 9.-10. September 1988 in Hamburg, S. 42-51.

Fornefeld,B. (2011): Mehr-sinnliches Geschichtenerzählen. Eine Idee setzt sich durch. Multy-sensory Storytelling. An idea gets through. Grundlegungen in der Geistigbehindertenpädagogik. Bd. 1. Berlin: LIT Verlag.

Fornefeld,B. (2013): mehr-Sinn® Geschichten. Erzählen-Erleben-Verstehen. Konzeptband.Verlag selbstbestimmtes Lernen: Düsseldorf: Verl. Selbstbestimmtes Leben.

Goudarzi, N. (2015): Basale Aktionsgeschichten. Erlebnisgeschichten für Menschen mit schwerer Behinderung. Karlsruhe: von Loeper Literaturverlag 2015

Goudarzi, N. (2017): Basale Aktionsgeschichten – Eine Reise um die Welt. Neue Erlebnisgeschichten für Menschen mit schwerer Behinderung. Karlsruhe: von Loeper Literaturverlag.

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