LiNKED

Kleinbuchstaben "fws" neben drei sich überschneidenden Kreisen in Rot, Gelb und Blau auf weißem Hintergrund.

Portraits

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Profil der Einrichtung Förder- und Wohnstätten gGmbH Kettig

Die Förder- und Wohnstätten gGmbH (FWS Kettig) ist eine seit 1991 bestehende gemeinnützige Einrichtung mit Sitz in Kettig. Sie wurde auf Initiative regionaler Vereine gegründet, darunter der Verein zur Betreuung blinder und sehbehinderter Kinder e. V. sowie der Verein für Menschen mit Behinderung e. V., und hat sich seither als verlässlicher Träger in Rheinland-Pfalz etabliert.

Besonders kennzeichnend ist der konsequente Wandel von einer klassischen Komplexeinrichtung hin zu einem teilhabeorientierten Ansatz. Statt Geschlossenheit in den Strukturen aufrechtzuerhalten, öffnet die FWS ihre Angebote bewusst in den Sozialraum und gestaltet das Gelände sowie die verschiedenen Lebensbereiche so, dass Begegnung, Austausch und gesellschaftliche Teilhabe erfahrbar werden. Damit werden alle zentralen Lebensbereiche – Wohnen, Arbeit und Freizeit – für Menschen mit unterschiedlichstem Unterstützungsbedarf, einschließlich komplexen Behinderungen, zugänglich gemacht.

Im Bereich Wohnen bietet die FWS vielfältige Wohnformen, die ein hohes Maß an Privatheit und Selbstbestimmung ermöglichen, gleichzeitig aber durch gemeinschaftliche Räume und Aktivitäten soziales Miteinander ermöglichen. Mit  der Tagesförderstätte eröffnet sie darüber hinaus auch für Menschen mit komplexen Behinderungen unterschiedliche Wege, am Arbeitsleben teilzuhaben. Ergänzt werden diese Angebote durch breite Freizeitmöglichkeiten, die sowohl in den Wohngruppen als auch durch offene, gemeinschaftsorientierte Angebote gestaltet werden – und explizit auch für Menschen mit komplexen Behinderungen erfahrbar gemacht werden.

So ist die FWS Kettig  ein Ort, der trotz der räumlichen Struktur einer ehemaligen „Komplexeinrichtung“ zeigt, dass durchlässige Strukturen, soziale Öffnung und das Ziel, für alle Menschen – auch mit komplexen Behinderung – Teilhabe an sämtlichen Lebensbereichen erfahrbar zu machen, umsetzbar sind.

Aufbau der Einrichtung

Das Gelände der FWS Kettig zeichnet sich durch seine Weitläufigkeit und Vielfalt aus: Neben mehreren Wohnhäusern finden sich dort eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung sowie die Räumlichkeiten einer Tagesförderstätte. Damit bietet die Einrichtung Angebote zum Wohnen, zur sozialen Teilhabe und zur Teilhabe an Arbeit – auch für Menschen mit komplexen Behinderungen.

Handgezeichnete Karte mit beschrifteten Gebäuden: Wohnhäuser, Sporthalle, Freilichtbühne, Werkstätten und Tierbereich.

Besonders bemerkenswert ist, dass das Gelände der ehemaligen Komplexeinrichtung bewusst so gestaltet wurde, dass es auch für die Nachbarschaft attraktiv ist und als Ort der Begegnung genutzt werden kann. Dazu tragen unter anderem eine Freilichtbühne sowie ein eigenes Tiergelände bei. Auf der Bühne finden regelmäßig Konzerte und andere Veranstaltungen statt, die das Gelände zu einem kulturellen Begegnungsort für die Region machen. Das Tiergelände, das von einer Gruppe der Tagesförderstätte betreut wird, richtet sich an Familien, aber auch an Kindergartengruppen, Schulklassen oder Bewohner*innen aus Seniorenheimen. Damit öffnet sich die Einrichtung nicht nur nach außen, sondern schafft zugleich vielfältige Anknüpfungspunkte zwischen den Angeboten für Menschen mit Behinderung und dem sozialen Umfeld.


Beispielhafte Einblicke in die drei Lebensbereiche im Rahmen des LINKED Projekts

Nachfolgend werden zunächst die drei Lebensbereiche Wohnen, Arbeit und Freizeit im FWS Kettig beschrieben. Daran schließen sich für jeden Lebensbereich beispielhafte Einblicke an, die im Rahmen des Forschungsprojekts LINKED gewonnen werden konnten.

In der FWS Kettig wurde Herr Jansen in seinem Alltag auf dem Gelände der Einrichtung begleitet. Er ist 41 Jahre alt und lebt seit vielen Jahren dort. Er wurde an verschiedenen Tagen über den gesamten Tagesverlauf hinweg von dem Forscher*innenteam begleitet, wodurch Einblicke in seine drei zentralen Lebensbereiche Arbeit, Freizeit und Wohnen gewonnen wurden. Diese Bereiche sind dabei teilweise auch räumlich voneinander getrennt und jeweils mit unterschiedlichen Unterstützer*innen und Personenkonstellationen verbunden. Dabei konnten in allen drei Lebensbereichen unterschiedliche Momente der Teilhabe von Herrn Jansen beobachtet werden. Nachfolgend werden ausgewählte Situationen dargestellt.

Wohnen

Moderner offener Wohn- und Essbereich mit Holzböden, Hängedekor und natürlichem Licht.

Auf dem Hauptgelände befinden sich mehrere Wohnhäuser, in denen jeweils vier Wohngruppen untergebracht sind. In jeder Gruppe leben acht erwachsene Menschen mit Behinderung, die von einem multiprofessionellen Team begleitet werden. Die Gruppen sind so konzipiert, dass zwei Flure jeweils zu den individuell eingerichteten Zimmern führen, die den Bewohner*innen ein hohes Maß an Privatheit ermöglichen. Die Zimmer werden gemeinsam mit den Bewohner*innen gestaltet und spiegeln deren persönliche Vorlieben wider. Herzstück jeder Wohngruppe ist ein großzügiger Gemeinschaftsraum, der je nach Jahreszeit gemeinsam dekoriert wird. Hier finden die Mahlzeiten statt, zugleich bietet der Raum mit einer gemütlichen Sofaecke und einem Balkon Gelegenheit zum Entspannen und Beisammensein. Ergänzend stehen den Wohngruppen besondere Räumlichkeiten wie ein Partykeller oder ein Musikraum zur Verfügung, die gemeinschaftlich genutzt werden können und zusätzliche Möglichkeiten der Freizeitgestaltung eröffnen.

Einblick Wohnen: Gemeinsames Abendessen und Gruppenerleben

Herr Jansen lebt seit vielen Jahren in seiner Wohngruppe, in der er einige Mitbewohner*innen bereits seit Jahrzehnten kennt. Während er sich in seinem Zimmer gerne zurückzieht, um Ruhe und Privatsphäre zu genießen, wird ihm zugleich immer wieder die Möglichkeit eröffnet, am Gruppengeschehen teilzuhaben. Durch die Wahl des Aufenthaltsortes signalisiert er den Unterstützer*innen deutlich, ob er Gesellschaft sucht oder allein sein möchte. Auch wird er beispielsweise regelmäßig gefragt, ob er am gemeinsamen Abendessen teilnehmen möchte, wobei er auch die Auswahl der Mahlzeiten mitbestimmen kann. Ebenso wird das Abendprogramm gemeinschaftlich gestaltet: Alle Bewohner*innen werden einbezogen und gefragt, ob sie beispielsweise Musik hören, einen Film schauen oder ein Spiel spielen möchten.

Arbeit

Die Tagesförderstätte der FWS Kettig eröffnet 88 Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf die Möglichkeit, am Arbeitsleben teilzuhaben und damit einen zweiten zentralen Lebensraum neben dem Wohnen zu erfahren. Dieser Lebensraum verbindet Arbeitserfahrungen mit Bildungsangeboten und schafft zugleich Gelegenheiten für vielfältige soziale Kontakte. In sechs verschiedenen Abteilungen mit jeweils unterschiedlichen Arbeitsfeldern werden Arbeitserfahrungen ermöglicht, die an den Wünschen, Fähigkeiten und Ressourcen der einzelnen Personen orientiert sind.

In den verschiedenen Abteilungen der Tagesförderstätte können die Teilnehmenden ihre Fähigkeiten erproben, weiterentwickeln und in sinnvolle Arbeitszusammenhänge einbringen. So werden beispielsweise in der Abteilung „Spedition“ Waren verpackt, sortiert und für den Transport vorbereitet. Die Abteilung „Geländegärtner“ kümmert sich um Pflege- und Verschönerungsarbeiten auf dem Außengelände, vom Rasenmähen bis hin zur Gestaltung von Grünflächen.

Einblick Arbeit: Teilhabe am Versorgungsprozess der Tiere

Eine Person in Winterkleidung füllt einen Sack mit Heu in einem Holzschuppen.Herr Jansen ist Teil der Tagesförderstätten-Gruppe „Tierwelt“, die sich um ein Außengelände mit aus dem Tierschutz geretteten Tieren kümmert. Dieses Gelände ist für Besucher*innen geöffnet, sodass dort regelmäßig Kindergartengruppen, Bewohner*innen des nahegelegenen Seniorenheims oder Familien aus der Umgebung vorbeikommen. Auf dem Gelände leben Hühner, Ziegen, Esel und Enten – entsprechend gibt es stets viele Aufgaben zu erledigen. Die Abteilung „Tierwelt“ übernimmt hierbei die gesamte Versorgung: von der Fütterung über das Ausmisten der Ställe bis hin zum Einkauf von Futtermitteln. In diesem Kontext ist Herr Jansen in die alltäglichen Versorgungsprozesse eingebunden.

Freizeit

Die FWS Kettig bietet ein vielfältiges Freizeitangebot, das sowohl alltägliche Aktivitäten als auch speziell organisierte Veranstaltungen umfasst. Neben gemeinsamen Unternehmungen wie dem Kochen in den Wohngruppen oder Ausflügen im Rahmen der Tagesförderstätte wird monatlich ein Freizeitkalender mit unterschiedlichen Angeboten erstellt, der sich ausdrücklich auch an Menschen mit komplexen Behinderungen richtet.

Zwei Personen spielen Tisch-Shuffleboard, indem sie einen Ball in ein Loch am Ende eines Holztisches befördern.Einblick Freizeit: Teilhabe am Angebot Showdown

Einige Mitbewohner*innen von Herrn Jansen nehmen regelmäßig am Angebot „Showdown“ teil – einem Tischtennisspiel für blinde und sehbehinderte Menschen. In diesem Zusammenhang wurde auch Herr Jansen an einem Nachmittag gefragt, ob er Interesse hätte, ebenfalls teilzunehmen. Er reagierte zustimmend und begleitete daraufhin die Gruppe in die Turnhalle, wo er zum ersten Mal selbst an diesem Freizeitangebot teilnahm.


(Exemplarische) Teilhabemomente und Einblicke in das Unterstützer*innenhandeln

Die folgenden vier Beispiele zeigen einen beispielhaften Einblick, sowohl in die Teilhabemomente, die beobachtet werden konnten, als auch in das Unterstützer*innenhandeln, welches zum Entstehen dieser Momente beigetragen hat.

Einfache Strichzeichnung einer Schubkarre in Braun auf transparentem Hintergrund.


Mit-Wirken 


Fünf rot umrandete Hände, kreisförmig angeordnet, mit nach außen zeigenden Fingern.Herr Jansens Arbeitsstelle in der Tagesförderstätte ist in der Abteilung „Tierpflege“. Dort beteiligt er sich an verschiedensten Schritten der Versorgung der Tiere. Im Video ist beispielsweise zu sehen, wie er gemeinsam mit der Unterstützerin Frau Krebs die verschiedenen Futterbehälter auffüllt.


Einfacher roter Umriss einer Person, die einen Arm hebt, mit einer Herzform neben sich auf weißem Hintergrund.

Das Unterstützer*innenhandeln wird dabei besonders deutlich: Da Herr Jansen blind ist, begleitet Frau Krebs ihn bei jedem einzelnen Schritt. Gemeinsam tragen sie den Heubeutel und füllen die Raufe der Ziegen nach. Frau Krebs unterstützt Herrn Jansen so, dass er ertasten kann, wie voll die Raufe bereits ist, anstatt die Handlung stellvertretend für ihn zu übernehmen.

Zwei umrissene Figuren nebeneinander mit einer Herzform in der Mitte, die sie verbindet.

Mit-Erleben




Fünf rot umrandete Hände, kreisförmig angeordnet, mit nach außen zeigenden Fingern.Herr Jansen nimmt an diesem Nachmittag zum ersten Mal am Angebot „Show-Down“ teil – einem Tischtennisspiel für blinde und sehbehinderte Personen. Er erlebt die besondere Atmosphäre in der Turnhalle mit, geprägt von den charakteristischen Geräuschen des Spiels, etwa dem rhythmischen Klopfen der Bälle und probiert sich selbst aktiv im Spiel aus.

Einfacher roter Umriss einer Person, die einen Arm hebt, neben einem Herzsymbol auf schwarzem Hintergrund.

Die Unterstützerin, die das Sportangebot leitet, ermöglicht ihm dabei, sich Schritt für Schritt mit der Platte und den Spielutensilien wie Handschuhen und Schläger vertraut zu machen. Gemeinsam erkunden sie die gesamte Spielfläche, bevor sie mit Handführung langsam in das Spiel einsteigen. Die Unterstützerin erklärt jeden Schritt und begleitet Herrn Jansen so, dass er das Spiel für sich nachvollziehbar erleben kann.

Roter Umriss einer Hand, die einen Daumen nach oben zeigt, auf einem transparenten Hintergrund.

Mit-Entscheiden 

Fünf rot umrandete Hände, kreisförmig angeordnet, mit nach außen zeigenden Fingern.In der Wohngruppe zieht sich Herr Jansen nach seiner Rückkehr zunächst gerne zurück, um sich auszuruhen. Zum Feierabend versammeln sich die Mitbewohner*innen meist im großen Gemeinschaftsbereich mit Sofaecke und Esstisch, um sich auszutauschen, Musik zu hören oder gemeinsam zu spielen. Eine Unterstützerin fragt Herrn Jansen, ob er dazukommen möchte. Er entscheidet sich dafür und stößt zur Gruppe hinzu. Im weiteren Verlauf werden alle Bewohnenden einzeln gefragt, ob sie gemeinsam Musik hören oder tanzen möchten. Auch Herr Jansen gibt seine Zustimmung und gestaltet damit den gemeinsamen Moment aktiv mit.

Einfacher roter Umriss einer Person, die einen Arm hebt, neben einem Herzsymbol auf schwarzem Hintergrund.

Das Unterstützer*innenhandeln zeigt sich darin, dass Herr Jansen die Möglichkeit erhält, selbst zu entscheiden, ob er am gemeinsamen Prozess teilhaben möchte. Zudem wird seine Meinung bei der Gestaltung des gemeinsamen Moments ausdrücklich einbezogen, indem die Unterstützerin einen Raum eröffnet, in welchem alle Beteiligten ihre eigenen Wünsche äußern können.

Ein roter Umriss einer Gedankenblase mit zwei kleineren Kreisen darunter auf einem transparenten Hintergrund.

Mit-gedacht werden 


Fünf rot umrandete Hände, kreisförmig angeordnet, mit nach außen zeigenden Fingern.In einer Pause zwischen den Arbeitsschritten wird ein Lagerfeuer entzündet, an dem sich alle versammeln. Herr Jansen geht zunächst einer seiner Lieblingsbeschäftigungen nach – dem „Spülen“: Er hat einen Eimer mit warmem Wasser sowie zwei Becher, mit denen er sich immer wieder Wasser über die Hand gießt. Zunächst sitzt er abseits, wird dann jedoch von der Unterstützerin Frau Krebs zum Feuer geholt, da sich auch die meisten anderen Teilnehmenden dort eingefunden haben.

Einfacher roter Umriss einer Person, die einen Arm hebt, neben einem Herzsymbol auf schwarzem Hintergrund.

Das Unterstützer*innenhandeln zeigt sich hier darin, dass Herr Jansen als Teil der Arbeitsgruppe anerkannt wird und eingeladen wird, die Pause mit seinen Kolleg*innen zu verbringen. Die Idee, die Beschäftigten um ein Feuer zu versammeln, kann hier ebenfalls als wertvoller Beitrag der Unterstützenden gesehen werden, da durch das gemeinsame Aufwärmen am Feuer ein Gefühl von Gemeinschaft ermöglicht wird. Ergänzend dazu ermöglicht die Unterstützerin, dass Herr Jansen seine individuell gewählte Tätigkeit beibehalten und zugleich Teil der kollektiven Erfahrung sein kann.

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