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Portraits

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Profil der Einrichtung Tagesförderstätte Neukölln der Lebenshilfe Berlin

Die Tagesförderstätte Neukölln der Lebenshilfe Berlin verfolgt seit vielen Jahren einen besonderen Ansatz: Sie möchte Teilhabe an Arbeit auch für Menschen mit komplexen Behinderungen ermöglichen und dies konsequent personzentriert und zugleich in Anbindung an den Sozialraum gestalten. So werden Arbeitsmöglichkeiten auch für Menschen mit komplexen Behinderungen geschaffen, die sich nicht nur an den Interessen und Stärken der einzelnen Personen orientieren, sondern gleichzeitig im Stadtteil verankert sind.

Die Wurzeln dieses Ansatzes reichen zurück in das Jahr 2000. Damals startete die Einrichtung mit einem von Aktion Mensch geförderten Projekt, in dem zunächst vier Arbeitsplätze im Sozialraum erprobt wurden. Zehn Jahre später erfolgte eine grundlegende konzeptionelle Neuausrichtung hin zu einem klar arbeitsweltorientierten Profil. In diesem Zusammenhang begann die Tagesförderstätte, Aufträge und Arbeitsangebote innerhalb des Hauses mit Kooperationen im Kiez zu verknüpfen. Dadurch entstanden vielfältige Tätigkeitsfelder, die einerseits für Kooperationspartner von Nutzen sind und andererseits Menschen mit komplexen Behinderungen konkrete Zugänge zur Arbeitswelt eröffnen.

Eine Besonderheit der Tagesförderstätte Neukölln stellt in diesem Zusammenhang die sogenannte Kiez-Aktion dar: Gemeinsam mit Unternehmen, Einrichtungen und öffentlichen Institutionen entstehen hier Arbeitsmöglichkeiten direkt im Sozialraum – von Tätigkeiten auf öffentlichen Plätzen bis hin zu Kooperationen mit lokalen Betrieben. Menschen mit komplexen Behinderungen treten dabei als aktive Mitglieder des Gemeinwesens in Erscheinung. Sie knüpfen Kontakte vor Ort, lernen den Bereich Arbeit als Lebenswelt unmittelbar kennen und tragen mit ihrem Tun sichtbar etwas bei. Fundament dieser Arbeit ist eine enge Vernetzung im Kiez sowie eine stabile Zusammenarbeit mit Akteur*innen aus Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. Durch diese Verankerung gelingt es, Teilhabe an Arbeit nicht abstrakt zu denken, sondern ganz konkret im Alltag der Menschen vor Ort zu gestalten.

Konzeptionelle Besonderheiten

Zur Ermöglichung von Teilhabe an Arbeit auch für Menschen mit komplexen Behinderungen hat die Tagesförderstätte Neukölln ein besonderes, dreigliedriges Konzept entwickelt, welches arbeitsweltbezogene Möglichkeitsräume in drei so genannten Segmenten auf unterschiedlichen Ebenen ermöglicht:

Drei vertikal verbundene Kreise mit deutschem Text über Gemeinschaftsaktionen, Unternehmenskooperationen und Tagesstättenangebote.

Konzept Tagesförderstätte Neukölln

Angebote der Tagesförderstätte

Im geschützten Rahmen der Einrichtung werden alltags- und arbeitsweltorientierte Tätigkeiten erprobt. Kreative, lebenspraktische und gemeinschaftliche Angebote eröffnen Selbstwahrnehmung, Kompetenzen und Teilhabe im Alltag und ermöglichen arbeitsweltbezogene Erfahrungen in einem vertrauten und sicheren Rahmen.

Kooperationstätigkeiten mit Firmen im Kiez

In der engen Zusammenarbeit mit lokalen Unternehmen übernehmen die Teilnehmenden konkrete Aufgaben. So bestehen beispielsweise Kooperationen mit dem naheliegenden Sportplatz, auf welchem die Teilnehmenden den Rasen von Ästen und Laub befreien und Umkleidekabinen aufräumen oder mit einem lokalen Weinhändler, für welchen die Teilnehmenden Papiertüten entwerfen. Auch das im Forschungsprojekt LINKED besonders in den Blick genommene Angebot verortet sich hier: Die Teilnehmenden retten Lebensmittel und kochen Mahlzeiten, welche an „Evas Obdach“ – eine Einrichtung für wohnungslose Frauen – ausgeliefert werden.

KiezAktion

Hier arbeiten die Teilnehmenden direkt in Betrieben oder Einrichtungen des allgemeinen Arbeitsmarkts mit, begleitet durch KiezBegleiter*innen. Die Kiez-Aktionen der Tagesförderstätte umfassen unterschiedliche Aufgaben im Stadtteil: Dazu zählen beispielsweise die sichere Papier- und Aktenvernichtung für lokale Auftraggeber, die regelmäßige Belieferung des Bestatters „Otto Berg“ mit Schredderpapier sowie die Herstellung von Zeitungshaltern für das Stadtmagazin „Kiez und Kneipe“. Auf diese Weise entstehen vielfältige Beiträge, die den Kiez praktisch unterstützen und bereichern. Eine Übersicht über aktuelle Projekte ist hier zu finden.

Einblick in das Kooperationsprojekt mit „Evas Obdach“

In der Tagesförderstätte Neukölln stand im Rahmen des LINKED Projekts vor allem das Kooperationsprojekt mit der Einrichtung für wohnungslose Frauen „Evas Obdach“ im Fokus. Innerhalb dieser Kooperation werden Lebensmittel, deren Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist, aus einem lokalen Supermarkt gerettet, daraus Mahlzeiten vorbereitet, welche anschließend an „Evas Obdach“ ausgeliefert werden. Das Projekt ist in vier Teilschritte bzw. -phasen unterteilt, die in verschiedenen Personenkonstellationen durchgeführt werden:

Lebensmittel retten

Zwei Personen ziehen mit Lebensmitteln gefüllte Einkaufswagen durch eine gepflasterte, von Zäunen und Gebäuden gesäumte Gasse.In einem ersten Schritt werden aussortierte Lebensmittel von einer Gruppe aus einem naheliegenden Supermarkt gerettet.

Dazu gehen ein bis zwei Unterstützer*innen und zwei Teilnehmende mit zwei Bollerwagen zum Supermarkt. Der Fußweg dauert circa fünf Minuten. Dort angekommen, werden die Bollerwagen ins Lager gefahren, wo viele Lebensmittel auf großen Rollwagen bereitstehen. Gemeinsam werden diese sortiert und geprüft und anschließend in den Bollerwagen verstaut. Im Anschluss geht es zurück zur Tagesförderstätte.

Lebensmittel sortieren

Zwei Personen bereiten auf einem weißen Tisch frisches Gemüse zu, darunter Karotten, Brokkoli, Daikon und Blumenkohl.Das Sortieren und Vorbereiten der Lebensmittel für die Lagerung ist der zweite Handlungsschritt im Rahmen des Kooperationsprojekts mit „Evas Obdach“. Dieser findet im Atrium der Tagesförderstätte statt, wo sich ein großer Gemeinschaftstisch befindet. In diesem Arbeitsschritt werden die Lebensmittel für die Essenszubereitung vorbereitet. Die Teilnehmenden schneiden die Lebensmittel klein oder waschen diese, sodass am nächsten Tag direkt mit dem Kochen gestartet werden kann.

Kochen

Karotten auf einem Schneidebrett und frischer Karottensaft in einem Glas neben einem Entsafter, mit den Händen in der Nähe.Am Folgetag findet das gemeinsame Kochen statt, ebenfalls im Atrium der Tagesförderstätte sowie der angrenzenden Küche. Insgesamt sind zwei bis drei Unterstützer*innen sowie sechs Teilnehmer*innen an den verschiedenen Arbeitsprozessen innerhalb des Angebots beteiligt. Die Teilnehmenden sind dabei an allen Prozessschritten des Kochens beteiligt: Ob beim Schälen und Kleinschneiden der Lebensmittel oder der Zubereitung in der Küche. Außerdem werden manche Lebensmittel auch auf andere Weise verarbeitet – zum Beispiel als Saft oder Smoothie.

Ausliefern

Zwei Frauen tauschen an einem sonnigen Tag in der Nähe eines geparkten Lieferwagens einen Karton aus.Im letzten Arbeitsschritt innerhalb der Kooperation wird das Essen an „Evas Obdach“ ausgeliefert. Zunächst werden die gekochten Mahlzeiten in den Bollerwagen gepackt und zum Auto transportiert. Sobald alles im Auto verstaut ist, beginnt die Fahrt durch den Kiez. In der Einrichtung „Evas Obdach“ werden die Mahlzeiten übergeben und dort abends von den dort tätigen Sozialarbeiter*innen an wohnungslose Frauen ausgegeben.


(Exemplarische) Teilhabemomente und Einblicke in das Unterstützer*innenhandeln

Die folgenden vier Beispiele zeigen einen beispielhaften Einblick sowohl in die Teilhabemomente, die im Rahmen des Kooperationsprojekts mit „Evas Obdach“ beobachtet werden konnten, als auch in das Unterstützer*innenhandeln, welches zum Entstehen dieser Momente beigetragen hat.

Einfache Strichzeichnung einer Schubkarre in Braun auf transparentem Hintergrund.


Mit-Wirken 


Fünf rot umrandete Hände, kreisförmig angeordnet, mit nach außen zeigenden Fingern.Im Video ist zu sehen, wie Frau Keller mit einem Bollerwagen von der Tagesförderstätte zum nahegelegenen Supermarkt unterwegs ist. Dort werden Lebensmittel abgeholt, die vor der Entsorgung gerettet werden, und anschließend von ihr im Bollerwagen zurück in die Einrichtung transportiert. Frau Keller ist dabei jede Woche für das Ziehen ihres Bollerwagens zuständig.


Einfacher roter Umriss einer Person, die einen Arm hebt, mit einer Herzform neben sich auf weißem Hintergrund.

Das Unterstützer*innenhandeln zeigt sich darin, dass die Unterstützerin Frau Meier, eine enge Bezugsperson von Frau Keller, sie bei den Tätigkeiten begleitet. Ihre Anwesenheit gibt Frau Keller Sicherheit. Zudem wurde eigens ein kleinerer, leichterer Bollerwagen für sie angeschafft, der den Transport erleichtert und zugleich ein klares Signal setzt: Mit dem Griff zum Wagen beginnt das Arbeitsangebot. Frau Meier greift nur dann ein, wenn der Wagen zu schwer wird – ansonsten schafft sie vor allem einen geschützten Rahmen, in dem Frau Keller sich wohl und sicher fühlt.

Zwei umrissene Figuren nebeneinander mit einer Herzform in der Mitte, die sie verbindet.

Mit-Erleben




Fünf rot umrandete Hände, kreisförmig angeordnet, mit nach außen zeigenden Fingern.

Beim gemeinsamen Kochen wirkt Herr Chirmas an der Herstellung von Säften und Smoothies mit. Dabei ist er aber nicht nur selbst tätig, indem er die Geräte mit einem Powerlink bedient, sondern erlebt den Arbeitsprozess auch aktiv mit: Sowohl die Zutaten, welche verwendet werden, als auch die hergestellten Säfte werden für ihn sinnlich so erfahrbar gemacht, dass der gemeinsame Arbeitsprozess für ihn nachvollziehbar wird. So riecht er beispielsweise vorab an den Lebensmitteln, welche im Anschluss püriert werden oder probiert ein Glas des Smoothies, welchen er gerade selbst hergestellt hat.

Einfacher roter Umriss einer Person, die einen Arm hebt, neben einem Herzsymbol auf schwarzem Hintergrund.

Das Unterstützer*innenhandeln zeigt sich darin, dass die Unterstützerin Frau Meier jeden Arbeitsschritt sowie die im Arbeitsprozess verwendeten Produkte, Materialien und Werkzeuge immer wieder sinnlich erfahrbar macht. Damit ermöglicht sie, dass das Herstellen der Säfte und Smoothies für Herrn Chirmas nicht bloß ein äußerer Prozess bleibt, sondern von ihm mit Sinn gefüllt und so miterlebt werden kann.

Roter Umriss einer Hand, die einen Daumen nach oben zeigt, auf einem transparenten Hintergrund.

Mit-Entscheiden 

Fünf rot umrandete Hände, kreisförmig angeordnet, mit nach außen zeigenden Fingern.

In der gemeinsamen Kochgruppe wird deutlich, wie Mitentscheiden im Arbeitsprozess gelebt wird. So wird beispielsweise nicht im Vorhinein festgelegt, wann Pausen stattfinden, sondern diese entstehen im Austausch innerhalb der Gruppe. Ein Beispiel ist Herr Fischer, der während des Kochens immer wieder das Wort „Kaffeetassen“ äußert. Damit signalisiert er seinen Wunsch nach einer Pause. Die Unterstützerinnen greifen diese Signale auf, beziehen die anderen Teilnehmenden mit ein und prüfen gemeinsam, ob der Zeitpunkt für eine Unterbrechung passt. Auf diese Weise werden Pausen nicht nur eingefordert, sondern auch gemeinschaftlich vorbereitet und gestaltet.

Einfacher roter Umriss einer Person, die einen Arm hebt, neben einem Herzsymbol auf schwarzem Hintergrund.

Das Unterstützer*innenhandeln zeigt sich hier darin, dass die Impulse zur Pausengestaltung nicht von den Unterstützerinnen vorgegeben werden, sondern aus der Gruppe selbst kommen dürfen. Die Unterstützerinnen reagieren sensibel auf verbale und nonverbale Signale, geben diese zurück in die Runde und ermöglichen so, dass Pausen kooperativ im Kollektiv entschieden werden. Damit tragen sie dazu bei, dass der Arbeitsprozess flexibel und bedürfnisorientiert verläuft und die Teilnehmenden aktiv in die Gestaltung eingebunden sind.

Ein roter Umriss einer Gedankenblase mit zwei kleineren Kreisen darunter auf einem transparenten Hintergrund.

Mit-gedacht werden 


Fünf rot umrandete Hände, kreisförmig angeordnet, mit nach außen zeigenden Fingern.Im Kooperationsprojekt mit „Evas Obdach“ zeigt sich das Mit-Gedacht werden besonders in der Kochgruppe: Alle Teilnehmenden tragen eine grüne Kochschürze, die nicht nur den Beginn des Arbeitsangebots markiert, sondern zugleich die Zugehörigkeit zur Gruppe sichtbar macht. Das Tragen der Schürze vermittelt symbolisch Anerkennung und stärkt das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Darüber hinaus wird das Mit-Gedacht werden darin deutlich, dass Arbeitsmaterialien passend vorbereitet und Arbeitsplätze so eingerichtet sind, dass sie den individuellen Bedarfen der Teilnehmenden entsprechen. So wird sichergestellt, dass jede Person unmittelbar in die gemeinsame Arbeitstätigkeit einsteigen kann und die Arbeitsschritte für alle zugänglich sind.

Einfacher roter Umriss einer Person, die einen Arm hebt, neben einem Herzsymbol auf schwarzem Hintergrund.

Das Unterstützer*innenhandeln zeigt sich hier vor allem darin, dass vorbereitend ein für die jeweilige Person passendes Arbeitssetting geschaffen wird sowie darin, dass aktiv ein Gruppengefühl ermöglicht wird: Durch Symbole wie die gemeinsame Arbeitskleidung wird Zugehörigkeit erfahrbar gemacht und Identifikation mit der Gruppe hergestellt.

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