Die Person in den Blick nehmen
Menschen mit komplexen Behinderungen bringen nicht nur Bedürfnisse und Bedarfe mit, sondern auch individuelle Fähigkeiten, Interessen und biografische Erfahrungen. Nicht alle dieser Aspekte sind für jedes teilhabeorientierte Angebot unmittelbar relevant – dennoch ist es hilfreich, sich ihrer bewusst zu werden und gezielt auf diejenigen einzugehen, die für die Planung und Umsetzung eine Rolle spielen. Besonders zentral sind dabei:
- persönliche Interessen, Vorlieben und besondere Fähigkeiten,
- individuelle kommunikative Möglichkeiten,
- Formen der Auseinandersetzung mit der (Um-)Welt,
- sowie besondere (auch pflegerische) Bedürfnisse und Bedarfe
Besonders im Bereich der kommunikativen Möglichkeiten und der individuellen Form der Auseinandersetzung kann ein Blick auf bestehende Modelle hilfreich sein!
Individuelle kommunikative Möglichkeiten
- Wie drückt die Person Zustimmung oder Ablehnung aus?
- Wie bringt sie individuelle Wünsche zum Ausdruck?
- Wie zeigen sich Bedürfnisse und Bedarfe (z.B. nach Nahrung, Ruhe…?)
Formen der Auseinandersetzung und Begegnung mit der Welt
- Wie nimmt die Person die sie umgebende Welt wahr?
- Wie kann sie sich Prozesse oder Inhalte am besten erschließen (z.B. durch ihre Sinne, durch den Umgang mit Gegenständen, durch Symbole)?

(-> Theoretische Grundlagen: Teilhabe an Arbeit)
Folgende Fragen können hilfreich sein:
- Welche besonderen Interessen oder Vorlieben hat die Person, für die ich ein teilhabeorientiertes Angebot plane?
- Welche besonderen Fähigkeiten bringt sie mit?
- Wie kommuniziert sie? Wie bringt sie Zustimmung oder Ablehnung zum Ausdruck?
- Wie eignet sie sich die umgebende Welt an? Was ist ihr Zugang zu Welt?
- Was sind besondere Bedürfnisse, die bei der Planung mitgedacht werden müssen?
Ideen entwickeln
In diesem Schritt geht es darum, eine Idee für ein Angebot zur Teilhabe an Arbeit zu entwickeln. Falls bereits eine Idee vorhanden ist, lohnt es sich, einen Moment innezuhalten und zu reflektieren: Woher stammt diese Idee? Entstand sie aus einem eigenen Interesse heraus – oder erscheint sie besonders passend für die Person(en), für die geplant wird? Beides ist legitim, sollte jedoch bewusst gemacht werden. Grundsätzlich lassen sich Ideen unterschiedlichen Ursprungs zuordnen: Sie können von der Person selbst ausgehen, von der planenden Person und ihren Interessen, von Gegebenheiten in der Einrichtung oder aus dem Sozialraum heraus entstehen.
Folgende Fragen können hilfreich sein:
- Welche persönlichen Interessen und Stärken sind in unserem Team vorhanden, mit welchen wir ein bereicherndes Angebot für andere entwickeln können?
- Welche Interessen, Fähigkeiten und Vorlieben bringen die Klient*innen mit, von welchen ggf. auch andere profitieren können?
- Welche Bedürfnisse können innerhalb des Sozialraums identifiziert werden, die ich mit einem Arbeitsangebot befriedigen könnte? Wo gibt es noch Arbeitsbedarf? (beispielsweise: ehrenamtliche Tätigkeiten, Reinigungsarbeiten, Bewässerung von Grünpflanzen)
- Welche Einrichtungen oder Firmen gibt es im direkten nachbarschaftlichen Umfeld? Inwiefern könnte mit diesen durch die Übernahme von Aufgaben oder Tätigkeiten kooperiert werden?
Möglichkeitsräume eröffnen
Nachdem die individuellen Bedürfnisse und Bedarfe der jeweiligen Person und erste Ideen reflektiert wurden, stellt sich nun die zentrale Frage:
Wie kann die Person ganz konkret teilhaben?
Ein hilfreicher Zugang bietet die Betrachtung von vier zentralen Ebenen, auf denen Teilhabe im Arbeitsprozess ermöglicht werden kann (-> Teilhabe verstehen)

Teilhabedimensionen
Mit – Wirken
- Welche konkreten Aufgaben fallen im Arbeitsprozess an – und inwiefern lassen sich diese in Klein- oder Kleinstschritte zerlegen, die die Person übernehmen kann?
- Wie können individuelle Fähigkeiten, Interessen oder Stärken aktiv in den gemeinsamen Arbeitsprozess eingebracht werden?
- …
Jeden Montagvormittag macht sich Frau Keller mit ihrem Bollerwagen auf den Weg zum nahegelegenen Supermarkt um Lebensmittel abzuholen. Der leichte, extra für sie angeschaffte Wagen steht schon vor der Tür der Tagesförderstätte bereit – allein der Griff zum Wagen markiert für sie den Beginn ihres Arbeitsauftrags. Gemeinsam mit Frau Meier, ihrer vertrauten Unterstützerin, läuft sie die kurze Strecke. Im Supermarkt angekommen, packen die beiden gemeinsam die aussortierten Lebensmittel in den Wagen. Frau Keller zieht den Bollerwagen anschließend eigenständig zurück in die Einrichtung. (Beispiel entnommen aus: Beobachtungsprotokoll_07: Pos. 4ff)
Mit – Erleben
- Wie kann das gemeinsame Arbeiten auch sinnlich-atmosphärisch erfahrbar gemacht werden – z. B. durch Gerüche, Geräusche, Routinen oder kollegiale Interaktionen?
- Wie kann die eigene Rolle der Person im Arbeitsprozess erlebbar und verstehbar gemacht werden?
- Auf welche Weise kann das Produkt des eigenen Tuns sichtbar, greifbar oder spürbar werden?
- Wie kann deutlich werden, welchen Beitrag die Person für andere Menschen oder für das Gesamtergebnis leistet?
- …
Beim gemeinsamen Kochen beteiligt sich Herr Fischer an der Herstellung von Säften und Smoothies. Mit Hilfe eines Powerlinks kann er eigenständig die Küchengeräte bedienen. Doch seine Teilhabe erschöpft sich nicht im Ausführen einzelner Handlungen – er wird in den gesamten Arbeitsprozess einbezogen. So riecht er vorab an den frischen Früchten, die anschließend verarbeitet werden, hört das Geräusch des Mixers, wenn die Zutaten zerkleinert werden, und probiert schließlich einen Schluck des Smoothies, den er gerade selbst hergestellt hat. Auf diese Weise erlebt er die Arbeit nicht nur als Abfolge äußerer Handlungen, sondern als sinnlich erfahrbaren und für ihn nachvollziehbaren Prozess. (Beispiel entnommen aus: Beobachtungsprotokoll_09: Pos. 13ff)
Mit-Gedacht werden
- Wie lässt sich für die Person erfahrbar machen, dass sie Teil eines gemeinsamen Prozesses oder einer Gruppe ist (z. B. durch Rituale, einheitliche Kleidung, sichtbare Zugehörigkeitszeichen)?
- Wie kann Wertschätzung und Anerkennung für den geleisteten Beitrag ausgedrückt und vermittelt werden?
- …
In der Kochgruppe wird das Mit-Gedacht werden durch ein gemeinsames Erkennungsmerkmal sichtbar: Zu Beginn erhält jede teilnehmende Person eine grüne Kochschürze. Das Anziehen der Schürze markiert nicht nur den Start des Arbeitsangebots, sondern macht zugleich die Zugehörigkeit zur Gruppe deutlich. (Beispiel entnommen aus: Beobachtungsprotokoll_09: Pos. 8ff)
Mit – Entscheiden
- An welchen Stellen können Entscheidungsspielräume geschaffen werden – auch auf basaler Ebene (z. B. Wahl der Pausenzeiten, Reihenfolge von Arbeitsschritten, Materialien, Farben oder Zutaten)?
- Inwiefern können Wünsche, Vorlieben oder Interessen der Person in die Gestaltung des Arbeitsprozesses einfließen?
- …
In der gemeinsamen Kochgruppe zeigt sich, wie Mit-Entscheiden im Arbeitsprozess praktisch gelebt wird. Pausen sind nicht vorab durch einen festen Plan festgelegt, sondern ergeben sich situativ im Austausch. So äußert Herr Fischer während des Kochens wiederholt das Wort „Kaffeetassen“. Damit signalisiert er seinen Wunsch nach einer Pause. Die Unterstützerinnen greifen dieses Signal auf, bringen es in die Runde ein und beziehen die anderen Teilnehmenden in die Entscheidung mit ein. Gemeinsam wird geprüft, ob der Zeitpunkt für eine Unterbrechung passt. So entstehen Pausen nicht als von außen verordnete Unterbrechungen, sondern als gemeinsam abgestimmte Handlungsschritte, die von der Gruppe selbst getragen werden. (Beispiel entnommen aus: Beobachtungsprotokoll_10: Pos. 4ff)
Reflexion des Angebots auf verschiedenen Ebenen
Ein zentrales Element teilhabeorientierter Angebotsgestaltung ist die kontinuierliche Reflexion. Denn nur wenn man Dinge tatsächlich ausprobiert, kann sichtbar werden, wo Anpassungen notwendig sind – oder was besonders gut funktioniert.
Die Reflexion kann dabei nach einem durchgeführten Angebot in Bezug auf Teilhabe auf mehreren Ebenen erfolgen.
- Mit Blick auf die Teilhabe der Person
- Mit Blick auf teilhabeermöglichende Rahmenbedingungen
- Mit Blick auf das eigene teilhabeorientierte Handeln
Auf dieser Basis kann weiterüberlegt werden: Was folgt daraus? Eine Reflexion dient als Ausgangspunkt für eine Weiterentwicklung und Anpassung der Angebote.
Die Reflexion mündet in konkreten Schritten zur Weiterentwicklung des Angebots. Dafür lohnt sich – je nach Bedarf ein erneuter Blick auf einzelne Phasen der Angebotsentwicklung.
Folgende Fragen können für die Reflexion hilfreich sein:
Reflexion des Angebots mit Blick auf die Teilhabe der Person
- Gibt es Anzeichen dafür, dass sie sich selbstbestimmt in den Prozess einbringt – z. B. durch das Äußern von Präferenzen bei bestimmten Arbeitsschritten?
- Gibt es Anzeichen dafür, dass die Person Freude an / Zufriedenheit in der Tätigkeit erlebt?
- Lässt sich Stolz oder Selbstbestätigung beobachten?
- Ist der ‚Nutzen der Tätigkeit für Andere‘ für alle Arbeitenden erfahrbar – z.B. indem Dank oder Wertschätzung erfahren werden können?
- Ist der Beitrag/ die Relevanz der eigenen Tätigkeit im Gesamtprozess erfahrbar?
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Reflexion des Angebots mit Blick auf teilhabeermöglichende Rahmenbedingungen
- Ist es gelungen, allen beteiligten Personen Teilhabe am Arbeitsprozess zu ermöglichen?
- Hat der Ablauf des Arbeitsprozesses reibungslos geklappt? Wo sind ggf. Änderungsbedarfe?
- Waren meine Ressourcen (materiell, zeitlich, personell) ausreichend?
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Reflexion des Angebots mit Blick auf das eigene teilhabeorientierte Handeln
- Welche Rolle(n) nehme ich in Bezug auf das Angebot ein?
- Wie wurden Interaktionen zwischen mir und der Person gestaltet?
- Inwiefern wurden Interaktionen auch zwischen der Person und weiteren Beteiligten von mir unterstützt oder initiiert?
- In welchen Momenten habe ich stellvertretend für die beteiligte Person gehandelt und entschieden? Aus welchen Gründen fanden diese Übernahmen statt und inwiefern kann dies in Zukunft minimiert werden?
- Gibt es besondere Herausforderungen oder Barrieren, welche in Zukunft vermieden werden sollten?
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