Die Person in den Blick nehmen
Bei der Gestaltung einer teilhabeorientierten Praxis im Lebensbereich Wohnen stehen die Individualität und Einzigartigkeit des Menschen mit komplexen Behinderungen im Fokus. Menschen mit komplexen Behinderungen bringen nicht nur unterschiedliche Bedürfnisse und Bedarfe mit, sondern auch individuelle Fähigkeiten, Interessen und biografische Erfahrungen. Nicht alle dieser Aspekte sind für jedes teilhabeorientierte Angebot unmittelbar relevant – dennoch ist es hilfreich, sich ihrer bewusst zu werden und gezielt auf diejenigen einzugehen, die für die Planung und Umsetzung eine Rolle spielen.
Besonders zentral sind dabei:
Persönliche Interessen, Vorlieben und besondere Fähigkeiten
- Welche besonderen Interessen oder Vorlieben hat die Person?
- Welche (Charakter-)Eigenschaften hat die Person?
- Was steigert (bekanntermaßen) das Wohlbefinden der Person? Was tut ihr gut?
- Welche besonderen Fähigkeiten bringt sie mit? (z.B. soziale Kontakte, körperliche Nähe, Entspannung…)
- Was sind möglicherweise besondere Bedürfnisse, die mitgedacht werden müssen? (z.B. Unterstützte Kommunikation, spezielle Hilfsmittel, Anpassung der Umwelt…)
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Individuelle kommunikative Möglichkeiten
- Wie drückt die Person ihre Zustimmung oder Ablehnung aus?
- Wie bringt sie individuelle Wünsche zum Ausdruck?
- Wie zeigen sich Bedürfnisse und Bedarfe? (z. B. nach Nahrung, Ruhe, Aufmerksamkeit)
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Formen der Auseinandersetzung mit der (Um-)Welt
- Wie nimmt die Person die sie umgebende Welt wahr?
- Wie kann sie sich Prozesse oder Inhalte am besten erschließen? (z. B. durch ihre Sinne, durch den Umgang mit Gegenständen, durch Symbole)
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Ideen entwickeln
Zentral ist die Frage: Woran soll überhaupt teilgehabt werden? Es geht darum, Ideen zu sammeln – ob aus eigenen Impulsen, Beobachtungen oder Wünschen der beteiligten Personen.
Im Folgenden werden die vier Dimensionen des Wohnens erneut aufgegriffen, da sie für die Ideenentwicklung als Impulse und Reflexionshilfe genutzt werden können.
Der Wohnraum:
- Welche Räume stehen der Einrichtung zur Verfügung? Welche Funktionen haben die einzelnen Räume? Welche Räume können wofür genutzt werden? (z.B. Räume für Ruhe und Rückzug, Räume für (Gruppen-)Aktivitäten wie Musik-, Kunst– oder Bewegungsangebote…)
- Inwiefern können die Bewohner*innen zur Gestaltung des Wohnraums beitragen?
- Wie ist die Lage des Wohnraums? Was befindet sich in der nahen Umgebung? (z.B. Parkanlagen, Einkaufsmöglichkeiten, Verkehrsanbindung…)
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Das Zusammenleben:
- Was macht ein harmonisches Zusammenleben aus? Oder andersherum: Wann entstehen Konflikte? Wie kann diesen vorbeugend begegnet werden?
- Was beeinflusst das Wohl der Gruppe positiv? Wie kann ein Gefühl von Gemeinschaft gefördert und erreicht werden? (z.B. gemeinsame Aktivitäten und Rituale…)
- Wie können Interaktionen zwischen den Bewohner*innen angeregt und unterstützt werden? (z.B. im bewussten Initiieren von Situationen, die eine Kooperation erfordern, wie das Zusammenfalten einer Tischdecke oder das Weiterreichen von Essen…)
- Wie können Privatheit und Rückzug ermöglicht werden? (z.B. durch Vereinbarungen zum Betreten der Zimmer durch andere wie Anklopf-Regel oder Schilder, die anzeigen, dass man nicht gestört werden möchte…)
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Der Wohnalltag:
- Was macht einen abwechslungsreichen Alltag aus? Wie können auch Zeiten ohne Angebote so gestaltet werden, dass sich die Person wohlfühlt? (z.B. durch Berücksichtigung von Lieblingsplätzen, Lieblingsmusik…)
- Was sind individuelle Interessen, Vorlieben etc. einer Person und wie können diese in Angeboten und auch sonst berücksichtigt werden?
- Wie können die gebundene und die freie Zeit möglichst selbstbestimmt gestaltet werden?
- Welche (regelmäßigen) Angebote könnten im Wohnbereich stattfinden? (z.B. gemeinsame Zubereitung von Mahlzeiten, gemeinsames Musizieren, Wellness-Angebote…)
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Wohnen als Zuhause:
- Wie können Bewohner*innen darin unterstützt werden, ihre Individualität zu zeigen und auszuleben? (z.B. indem Fotos oder Gegenstände einer Person auch in die Gestaltung der Gemeinschaftsräume eingebracht werden können…)
- Wie kann ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit vermittelt werden? (z.B. durch verlässliche Beziehungen und Strukturen…)
- Was könnte zu einer Wohlfühlatmosphäre beitragen? (z.B. wohnliche Dekoration, angenehmes und gedimmtes Licht…) Woran erkenne ich, dass die Person sich wohlfühlt?
- Wie könnte sich ein Gefühl von Zuhause-Sein bei den Bewohnenden einstellen? (z.B. durch positive Ansprache, Duft von frisch gebackenen Kuchen, frischer Wäsche, vertraute Musik, Fotos…)
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Möglichkeitsräume eröffnen
Nun wird es konkret: Nachdem die individuellen Bedürfnisse und Bedarfe der jeweiligen Person reflektiert und erste Ideen für ein mögliches Angebot entwickelt wurden, stellt sich nun die zentrale Frage: Wie kann die Person ganz konkret teilhaben?
Einen hilfreichen Zugang bietet die Betrachtung von vier zentralen Dimensionen, durch die Teilhabe an Wohnen ermöglicht werden kann (-> Teilhabe verstehen). Die vier zentralen Dimensionen sollen mithilfe einer Beispielsituation zur besseren Nachvollziehbarkeit verdeutlicht werden.

Teilhabedimensionen
Mit – Wirken
- Inwiefern kann die Person ihren Wohnalltag mitgestalten? An welchen Stellen wird sie aktiv beteiligt (z.B. Zubereitung der Mahlzeiten)?
- Welche gestalterischen Elemente des Wohnraums werden von der Person mitgestaltet und inwiefern findet ein direkter Einbezug der Person statt (z.B. saisonale Dekoration, eigenes Zimmer)?
- Wie erfährt die Person Anerkennung und Wertschätzung für ihre Mitgestaltung?
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Bewohnerin Frau Becker wird von der Unterstützerin zur Weihnachtszeit gefragt, ob sie den Tannenbaum zusammen mit ein paar anderen Bewohner*innen schmücken möchte. Nachdem Frau Becker eingewilligt hat, legt die Unterstützerin eine Auswahl an Christbaumschmuck auf ihre Rollstuhlablage. Frau Becker wählt aus verschiedenen Kugeln aus, die sie mit der Unterstützerin durch Handführung am Baum aufhängt.(Beispiel entnommen aus: Beobachtungsprotokoll_13: Pos. 18ff.)
Mit – Erleben
- Welche Erfahrungen im Wohnalltag können gemeinsam gemacht werden? Sind diese Erfahrungen zeitlich begrenzt?
- Mit welchen anderen Personen (z.B. innerhalb und außerhalb der Wohngruppe) können diese Erfahrungen gemacht und geteilt werden?
- Was könnte der jeweiligen Person das Gefühl geben, Teil dieser gemeinsamen Erfahrungen zu sein?
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Beispiel: Einmal in der Woche findet ein Musikangebot statt, an dem mehrere Bewohner*innen teilnehmen können. An dem Musikangebot nehmen u. a. Herr Peters, Herr Schulz und Frau Becker teil, die ein großes Interesse an Musik haben. Die drei Bewohner*innen musizieren zusammen: Frau Becker singt immer wieder mit und nutzt eine Rassel, Herr Schulz lautiert zur Musik und Herr Peters klatscht mit seinen Händen auf dem Boden. Das Musizieren wird zur gemeinsamen Erfahrung. (Beispiel entnommen aus: Videotranskript_32: Pos. 4)
Mitgedacht werden
- Wie kann die Person mit komplexen Behinderungen erfahren, dass sie Teil der Wohngemeinschaft und des Sozialraums ist?
- In welchen Situationen des Wohnalltags wäre die gezielte Berücksichtigung von Bedürfnissen und Bedarfen der Person besonders wichtig?
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Beispiel 3: Am Abend versammeln sich die Mitbewohner*innen meist im großen Gemeinschaftsbereich mit Sofaecke und Esstisch, um sich auszutauschen, Musik zu hören oder gemeinsam zu spielen. Eine Unterstützerin fragt Herrn Jansen, ob er dazukommen möchte. Er entscheidet sich dafür und stößt zur Gruppe hinzu.Im weiteren Verlauf werden alle einzeln gefragt, ob sie gemeinsam Musik hören oder tanzen möchten. Auch Herr Jansen gibt seine Zustimmung und gestaltet damit den gemeinsamen Moment aktiv mit. (Beispiel entnommen aus: Beobachtungsprotokoll_16, Pos. 31ff.)
Mit – Entscheiden
- An welchen Stellen können Entscheidungsspielräume geschaffen werden – auch auf basaler Ebene? (z. B. Mitbestimmung der Tagesstruktur, bei Tätigkeiten oder Aktivitäten, Einbezug in die Wohngemeinschaft)
- Inwiefern können Bewohner*innen nach ihren eigenen Wünschen und Bedürfnissen einer möglichst individuellen Tagesstruktur nachgehen?
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Beispiel: Über Herrn Demir ist bekannt, dass dieser Freude und Spaß an Tätigkeiten mit Wasserbezug hat. Besonders gerne spült Herr Demir Geschirr ab. Die Unterstützer*innen haben ihm in der Küche eine Schublade eingerichtet, auf der Herrn Demirs Name steht. In der Schublade befindet sich sein Plastikgeschirr. Die Schublade ist vom Rollstuhl aus gut zu erreichen und Herr Demir holt sein Geschirr eigenständig aus der Schublade, wenn er es abspülen möchte. (Beispiel entnommen aus: Beobachtungsprotokoll_11: Pos. 10ff.)
Reflexion des Angebots auf verschiedenen Ebenen
Ein zentrales Element teilhabeorientierter Angebotsgestaltung ist die kontinuierliche Reflexion. Denn nur wenn man Dinge tatsächlich ausprobiert, kann sichtbar werden, wo Anpassungen notwendig sind – oder was besonders gut funktioniert.
Die Reflexion kann dabei nach einem durchgeführten Angebot in Bezug auf Teilhabe auf mehreren Ebenen erfolgen.
- Mit Blick auf die Teilhabe der Person
- Mit Blick auf teilhabeermöglichende Rahmenbedingungen
- Mit Blick auf das eigene teilhabeorientierte Handeln
Auf dieser Basis kann weiterüberlegt werden: Was folgt daraus? Eine Reflexion dient als Ausgangspunkt für eine Weiterentwicklung und Anpassung der Angebote.
Die Reflexion mündet in konkreten Schritten zur Weiterentwicklung des Angebots. Dafür lohnt sich – je nach Bedarf ein erneuter Blick auf einzelne Phasen der Angebotsentwicklung.
Folgende Fragen können für die Reflexion hilfreich sein:
Reflexion des Angebots mit Blick auf die Teilhabe der Person
- Wurden die festgestellten (situativen) Interessen und Bedürfnisse der Person (z.B. Ruhe und Erholung, Gesellschaft und soziale Kontakte) abgedeckt?
- In welchen Momenten erfuhr die Person das Gefühl von ‚Zuhause‘ sein?
- Wurden Mitbewohner*innen in das Angebot einbezogen?
- In welchen Aspekten konnte die Person durch das Angebot aktiv in das (gemeinsame) Wohnen einbringen?
- Wenn es gelungen ist, die Interessen der Person in Gruppenaktivitäten einfließen zu lassen: Wie ist dies gelungen?
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Reflexion des Angebots mit Blick auf teilhabeermöglichende Rahmenbedingungen
- Gab es Überschneidungen oder Abstimmungsbedarfe mit vorhandenen Tagesstrukturen?
- Waren die vorhandenen Ressourcen (materiell, zeitlich, personell) ausreichend?
- Gab es Schwierigkeiten bei der Durchführung des Angebots? Welche Gründe gab es dafür?
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Reflexion des Angebots mit Blick auf das eigene teilhabeorientierte Handeln
- Welche Rolle(n) nehme ich in Bezug auf das Angebot ein?
- Wie wurden Interaktionen zwischen mir und der Person gestaltet?
- Inwiefern wurden Interaktionen auch zwischen der Person und weiteren Beteiligten von mir unterstützt oder initiiert?
- In welchen Momenten habe ich stellvertretend für die beteiligte Person gehandelt und entschieden? Aus welchen Gründen fanden diese Übernahmen statt und inwiefern kann dies in Zukunft minimiert werden?
- Gibt es besondere Herausforderungen oder Barrieren, welche in Zukunft vermieden werden sollten?
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Quellen
[1] Seifert, 2022, S. 468 [2] in Anlehnung an Meuth, 2017, S. 113; Schrooten & Tiesmeyer, 2022, S. 128f. [3] Dieckmann, 2024, S. 219 [4] Opaschowski & Pries, 2020, S. 785
Literatur
Dieckmann, F. (2024): Sozialraum und soziale Inklusion. In F. Dieckmann, T. Heddergott & A. Thimm (Hrsg.), Unterstütztes Wohnen und Teilhabe, (S. 219-247). Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden.
Meuth, M. (2017): Theoretische Perspektiven auf Wohnen: Ein mehrdimensionales Wohnverständnis in erziehungswissenschaftlicher Absicht. In M. Meuth (Hrsg.), Wohn-Räume und pädagogische Orte: Erziehungswissenschaftliche Zugänge zum Wohnen, (S. 97-122). Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden.
Opaschowski, H. W., & Pries, M. (2020): Freizeit, Freie Zeit und Muße. In P. Bollweg, J. Buchna, T. Coelen & H.-U. Otto (Hrsg.), Handbuch Ganztagsbildung, (2. Aufl., S. 781-791). Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden.
Schrooten, K., & Tiesmeyer, K. (2022): Wohnen für Menschen mit Komplexer Behinderung. Wohnwunschermittlung bei Menschen mit Komplexer Behinderung. Wahlmöglichkeiten sichern, 59(1), 120-137.
Seifert, M. (2022): Wohnen. In I. Hedderich, G. Biewer, J. Hollenweger & R. Markowetz (Hrsg.), Handbuch Inklusion und Sonderpädagogik. Eine Einführung (S. 468–472). Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt.



