
Gesellschaftliche Rahmenbedingungen
Gesellschaftliche Rahmenbedingungen wirken auf verschiedenen Ebenen auf die Gestaltung von teilhabeorientierten Einrichtungen und Eröffnung von Teilhabeerfahrungen für Menschen mit komplexen Behinderungen. So bedingen gesellschaftliche Sichtweisen auf Behinderung oder die Funktion der verschiedenen Lebensbereiche, die jeweilige politische Ausrichtung oder damit einhergehende sozialrechtliche Grundlagen sowohl institutionelle Voraussetzungen als auch zwischenmenschliche Kontakte, beispielsweise im Sozialraum.
Institutionelle Rahmenbedingungen
Die institutionellen Rahmenbedingungen bestimmen die äußere Struktur, innerhalb derer Angebote realisiert werden können, etwa in Bezug auf räumliche oder zeitliche Gegebenheiten. Sie beeinflussen jedoch nicht nur die äußeren Umstände, sondern auch die inhaltliche Arbeit: So ist etwa das institutionell verankerte Verständnis von Teilhabe maßgeblich dafür, ob und wie dieses für einzelne Mitarbeiter*innen an ihr eigenes alltägliches Handeln anschlussfähig ist und somit tatsächlich mit Leben gefüllt werden kann.
Darüber hinaus entscheiden institutionelle Rahmenbedingungen darüber, ob Mitarbeiter*innen Freiräume für die Entwicklung neuer Angebote haben und ob eigene Interessen und Ideen in die (Unterstützungs-)Arbeit eingebracht werden können. In den erhobenen Daten hat sich in diesem Zusammenhang gezeigt, dass die innovativen Ideen von einzelnen Mitarbeiter*innen sowie deren spezifische Interessen, Fähigkeiten und Wünsche einen zentralen Motor für die Entstehung neuer Angebote zur Teilhabe darstellen. Eine besondere Rolle kommt in diesem Zusammenhang zudem der Leitung der jeweiligen Einrichtung zu. Es gilt, Impulse von Mitarbeiter*innen aufzugreifen und Möglichkeiten zu schaffen, diese auszuprobieren.
Zur Gestaltung einer (-> teilhabeorientierten Einrichtung) gehört es daher, als Leitung geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen und gemeinsam eine Teilhabekultur sowie ein geteiltes Leitbild zu entwickeln.
Menschen mit komplexen Behinderungen mit ihren jeweils individuellen Voraussetzungen
Um Angebote zur Teilhabe planen und Momente der Teilhabe ermöglichen zu können, ist es unumgänglich, die Personen, für die geplant werden soll, genau zu kennen. Nur wenn individuelle Interessen, Fähigkeiten, Kommunikationsweisen, Bedürfnisse oder Bedarfe bekannt sind, kann ein für die Person erschließbares Angebot entwickelt werden.
Zentral ist hierfür, die Bedarfe der jeweiligen Person mit komplexen Behinderungen im Rahmen einer pädagogischen Diagnostik festzustellen. Dies kann durch Beobachtungen im Alltag erfolgen, etwa indem erfasst wird, wie eine Person Zustimmung oder Ablehnung äußert. Auch der Austausch mit weiteren Unterstützer*innen, wie Eltern oder Mitarbeiter*innen anderer Einrichtungen sowie der gezielte Einsatz diagnostischer Instrumente tragen wesentlich dazu bei. Für die Gestaltung von Teilhabeprozessen erscheint es besonders wichtig, folgende Aspekte zu kennen und zu berücksichtigen:
- die kommunikativen Voraussetzungen der Person,
- die Weise, wie sie sich die umgebende Welt aneignet bzw. erschließt,
- ihre Interessen und Vorlieben
- (pflegerische) Bedarfe
In den Materialien zur (-> Ermöglichung von Teilhabemomenten) finden sich dafür verschiedene Einschätzbögen, die eine systematische Erhebung der Bedürfnisse und Bedarfe der jeweiligen Person mit komplexen Behinderungen ermöglichen sollen.
Gegenstand der Teilhabe
Für gelingende Teilhabe ist es wichtig, sich immer wieder zu fragen: Woran soll eigentlich teilgehabt werden? Der Gegenstand der Teilhabe meint also alle Situationen, Aktivitäten oder Angebote, an denen Menschen teilhaben können – ob im Lebensbereich Arbeit, in der Freizeit oder im eigenen Wohnumfeld. Der Gegenstand der Teilhabe kann sich dabei je nach Lebensbereich unterscheiden und auch innerhalb eines Bereichs sehr verschieden aussehen. Jeder Lebensbereich bietet also einen eigenen Möglichkeitsraum für Teilhabe. Diese Möglichkeitsräume zu erkennen und gemeinsam mit den Menschen zu erschließen, ist eine wichtige Aufgabe von Unterstützer*innen.

Unterstützer*innen
Unterstützer*innen kommt die zentrale Rolle für die Gestaltung von Momenten der Teilhabe zu. Sie ermöglichen schlussendlich, dass Teilhabemomente entstehen, indem sie Erfahrungsräume und Teilhabemöglichkeiten proaktiv eröffnen.
Das Handeln von Unterstützer*innen lässt sich in Bezug auf Teilhabe damit als ständiger Suchprozess verstehen: sie übernehmen die Rolle von Vermittler*innen zwischen den Momenten, Erfahrungen oder Prozessen, an welchen teilgehabt werden soll und den jeweiligen Menschen mit komplexen Behinderungen, um Möglichkeitsräume zu eröffnen, die Teilhabe zulassen. Diese Aufgabe stellt sich sowohl auf der Ebene der Angebotsplanung als auch in den jeweiligen konkreten Situationen: Teilhabe zu ermöglichen bedeutet daher auch, eine aufmerksame und zugewandte Grundhaltung einzunehmen, in der Unterstützer*innen aktiv Teilhabemöglichkeiten entdecken und für die involvierte Person erschließen. Im Element (-> Teilhabeorientiert Unterstützen) wird auf diese Aspekte genauer eingegangen.

Mit-Menschen
Teilhabe ist ein interaktiver Prozess, in dem immer auch ein Verhältnis zu anderen Menschen entsteht. Teilhabeerfahrungen zeigen sich also gerade dann, wenn mehrere Menschen auf etwas Gemeinsames bezogen sind, etwa in einer gemeinsamen musikalischen Erfahrung, oder als Zusammenwirken in einem gemeinsamen Prozess, wie bei der Arbeit. Auch das Erleben von Gemeinschaft selbst stellt eine zentrale Teilhabeerfahrung dar: füreinander da sein, teilen, geben und nehmen, Beziehungen pflegen und Wertschätzung erfahren.
Je nach Teilhabemoment gestaltet sich das Verhältnis zu Mitmenschen dabei unterschiedlich. Im Lebensbereich Freizeit verbinden gemeinsame Hobbys oder Interessen, während sich im Bereich Arbeit vor allem kollegiale Beziehungen ergeben. Im Lebensbereich Wohnen zeichnen sich Beziehungen häufig durch eine besondere Vertrautheit aus. Diese unterschiedlichen Formen von Beziehung gilt es auch für Menschen mit komplexen Behinderungen erfahrbar zu machen.
Quellen
[1] Fornefeld et al., 2019, S. 45 [2] Ziemski et al., 2024, S. 19 [3] Sansour, 2018, S. 85 [4] Bernasconi, 2024, S.166 [5] Markowetz, 2014, S. 232 [6] Metzler & Rauscher, 2004, S.16 [7] Seifert, 2016, S. 454 [8] Gröschke, 2011, S. 117 [9] Falkenstörfer, 2020, S. 279 [10] Dederich & Dietrich, 2022, S. 59 [11] Dimensionen in Anlehnung an von Kardorff 2014
Literatur
Bartelheimer, P., Behrisch, B., Daßler, H., Dobslaw, G., Henke, J., & Schäfers, M. (2022): Teilhabe – Versuch einer Begriffsbestimmung. In: G. Wansing, M. Schäfers & S. Köbsell (Hrsg.): Teilhabeforschung – Konturen eines neuen Forschungsfeldes (S. 13 – 34). Wiesbaden: Sprin-ger VS
Bernasconi, Tobias (2024): Pädagogik und Rehabilitation bei geistiger Behinderung. München: Ernst Reinhardt Verlag.
Falkenstörfer, S. (2020): Zur Relevanz der Fürsorge in Geschichte und Gegenwart. Eine Analyse im Kontext kom plexer Behinderungen. Wiesbaden: Springer VS.
Gröschke, D. (2011): Arbeit – Behinderung – Teilhabe. Anthropologische, ethische und gesellschaftliche Bezüge. Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt.
Markowetz, R. (2014): Freizeit im Leben mit Behinderungen. In Fischer, E. (Hg.), Heilpädagogische Handlungsfelder. Grundwissen für die Praxis. Stuttgart: Kohlhammer, 230-250.
Metzler, H. & Rauscher, C. (2004): Wohnen inklusiv. Wohn- und Unterstützungsangebote für Menschen mit Behinderung in Zukunft. Projektbericht. Tübingen: Diakonisches Werk, Abt. Behindertenhilfe.
Seifert, M. (2016). Wohnen: In: I. Hedderich, J. Hollenweger, G. Biewer & R. Markowetz (Hrsg.), Handbuch Inklusion und Sonderpädagogik (S. 108-112). Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt.
von Kardorff, E. (2014): Partizipation im aktuellen gesell-schaftlichen Diskurs – Anmerkungen zur Vielfalt eines Konzepts und seiner Rolle in der Sozialarbeit. In: Archiv für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit. 2 (45). S. 4-15.
Ziemski, A., Keeley, C., Sansour, T. & Murken, M. (2024): Teilhabe von Menschen mit komplexen Behinderungen: Annäherungen an ein multiperspektivisches Teilhabe-Verständnis aus Theorie und Praxis. Fachzeitschrift heilpaedagogik.de, Ausgabe 4/2024.










