Teilhabeorientiert unterstützen
Teilhabeorientiert unterstützen
In den vier Einrichtungen, mit welchen gemeinsam geforscht wurde, konnten verschiedene Momente gelingender Teilhabe identifiziert werden. Ausgehend von diesen Situationen wurde analysiert, welche äußeren Bedingungen dazu beigetragen haben, dass die jeweilige Person mit komplexen Behinderungen einen Moment der Teilhabe erleben konnte. Als zentrale Gelingensbedingung erwies sich dabei das Handeln der Unterstützer*innen. Dieses wurde im weiteren Verlauf näher untersucht, mit dem Ziel, daraus Impulse für ein teilhabeorientiertes Unterstützungshandeln zu gewinnen. Der Begriff „Unterstützer*innen“ wurde dabei bewusst gewählt, da nicht alle in einer Einrichtung tätigen Personen pädagogische Fachkräfte sind. Auf diese Weise wird ihre zentrale Rolle in der Gestaltung von Teilhabe hervorgehoben, gleichzeitig aber auch die Vielfalt der Aufgaben und Rollen sichtbar gemacht, die Unterstützer*innen in ihrem beruflichen Handeln übernehmen. Die im Folgenden dargestellten Überlegungen setzen sich aus dem im Projekt entwickelten Teilhabeverständnis (zeigt sich in den Gliederungspunkten) und den Erkenntnissen der empirischen Forschung, also den vier Feld- bzw. Einzelfallstudien, zusammen.
Elemente teilhabeorientierten Unterstützer*innenhandelns
Eröffnung von Möglichkeits- und Handlungsräumen
Eröffnung von Möglichkeits- und Handlungsräumen
Die Unterstützer*innen innerhalb der beforschten Angebote gestalten den Alltag von Menschen
mit Behinderung personzentriert, indem sie auf Basis ihres Erfahrungswissens über Vorlieben, Fähigkeiten und Bedarfe der jeweiligen Person mit komplexen Behinderungen passende Angebote planen und diese situativ anpassen. Zugleich machen sie neue Aktivitäten, Orte und Erlebnisse zugänglich und schaffen so Möglichkeiten, die vorher nicht da waren. Dadurch werden Erfahrungsräume eröffnet, durch die Teilhabe überhaupt erst möglich wird. Im Eröffnen von Möglichkeits- und Handlungsräumen beobachten sie aufmerksam Körpersprache, Mimik und Verhalten der Personen, um daraus Bedürfnisse abzuleiten und gezielt auf die Signale reagieren zu können. Alltagssituationen werden so als (neue) Lern- und Erfahrungsräume genutzt, indem Interessen der Personen situativ aufgegriffen werden.
Möglichst selbstbestimmtes Ergreifen von Handlungs- und Möglichkeitsräumen unterstützen
Möglichst selbstbestimmtes Ergreifen von Handlungs- und Möglichkeitsräumen unterstützen
In den vier Einzelfallstudien wird Teilhabe ermöglicht, indem Unterstützer*innen Menschen mit komplexen Behinderungen vielfältige Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten bieten – etwa bei der Auswahl von Aktivitäten, der Gestaltung ihrer Tagesstruktur oder der Befriedigung von Bedürfnissen. Zudem unterstützen Unterstützer*innen aber auch beim selbstbestimmten Ergreifen der gebotenen Wahl- und Handlungsspielräume. Entscheidungsprozesse werden flexibel und situativ gestaltet, häufig durch einfache Ja-Nein-Fragen oder die Auswahl zwischen zwei Optionen, wobei auch nonverbale Signale berücksichtigt werden. Dabei begegnen die Unterstützer*innen den Personen mit Vertrauen in ihre Fähigkeiten, ermutigen sie zu eigenständigem Handeln und bieten Hilfestellungen mit großer Sensibilität an.
In den Interviews, die im Rahmen des LINKED-Projekts durchgeführt wurden, beschreiben die Fachkräfte häufig ein vertrautes Verhältnis zu den Menschen mit komplexen Behinderungen. Diese Aussagen lassen sich durch verschiedene beobachtbare Formen der Beziehungsgestaltung stützen: Vertrautheit zeigt sich zwar nicht unmittelbar, wird jedoch indirekt erkennbar durch körperliche Nähe, liebevolle Zuwendung und wechselseitige Interaktionen. Die Unterstützer*innen aus den Feldstudien ermöglichen eine vertrauensvolle Beziehung, indem sie die Personen direkt und namentlich ansprechen, sich ihnen im Gespräch körperlich zuwenden und durch behutsame Berührungen – etwa an Schulter oder Rücken – Präsenz und Sicherheit vermitteln. Auf diese Weise kann auch das grundlegende Bedürfnis nach zwischenmenschlichem Kontakt und körperlicher Nähe erfüllt werden, was für das emotionale Wohlbefinden und die Lebensqualität der Personen von zentraler Bedeutung ist.
Die Unterstützer*innen der Feldstudien fördern in diesem Zusammenhang auch soziale Interaktionen, indem sie Kontaktversuche wahrnehmen, diese situativ aufgreifen und die beteiligten Menschen mit komplexen Behinderungen beim Initiieren oder Reagieren auf Kommunikation unterstützen– im Lebensbereich Arbeit vorrangig im Kontakt mit Kolleg*innen, im Lebensbereich Freizeit eher durch die Vermittlung spontaner Interaktionen mit Personen im Sozialraum. Unterstützer*innen begleiten Arbeits- und Alltagshandlungen mit gezielten physischen und verbalen Hilfestellungen – etwa durch Handführung, Vormachen, Wiederholen oder den Einsatz von passenden Hilfsmitteln. Dabei dosieren sie ihre Unterstützungshandlungen so, dass die Selbstständigkeit der Person ermöglicht wird.
Zudem reagieren sie auf individuelle (körpereigene) Signale, indem sie die Personen beispielsweise direkt namentlich ansprechen und durch behutsame Berührungen die Aufmerksamkeit auf sich lenken.
Zudem sichern die Unterstützer*innen die Erfüllung von Grundbedürfnissen wie Essen, Trinken, Pflege und Ruhe, achten aber auch auf individuelle Vorlieben und weiterführende Bedürfnisse, indem sie diese in die Tagesstruktur integrieren und bei der eigenständigen Bedürfnisbefriedigung unterstützend begleiten.
Ermöglichen Teil geteilter Situationen zu sein
Ermöglichen Teil geteilter Situationen zu sein
Gemeinsame Aktivitäten sind durch geteilte Aufmerksamkeit und geteilte Stimmungen (z.B. gemeinsame Freude, gemeinsames Staunen…) geprägt. Dies zeigt sich zum Beispiel durch Blickkontakt, Berührungen oder das Zeigen von Gefühlen beim gemeinsamen Erleben sinnlicher Eindrücke wie beim Hören von Musik. Die gegenseitige Wahrnehmung zwischen Personen wird von Unterstützer*innen in Teilhabemomenten aktiv gefördert – sowohl im Umgang unter Kolleg*innen oder Mitbewohner*innen als auch im Sozialraum mit fremden Personen.
Teilhabeorientierte Kommunikations- und Beziehungsgestaltung
Teilhabeorientierte Kommunikations- und Beziehungsgestaltung
Kommunikation ist ein menschliches Grundbedürfnis und spielt deshalb in der teilhabeorientierten Unterstützung von Menschen mit komplexen Behinderungen eine zentrale Rolle, gerade weil Verbalsprache für diese Personen meist nicht oder nur eingeschränkt als Kommunikationsmittel verfügbar ist. Das große Feld der Unterstützten Kommunikation kann an dieser Stelle nicht umfassend behandelt werden. Wichtig ist hier der Hinweis, dass zwischen externen Kommunikationshilfen und körpereigenen Kommunikationsformen unterschieden wird und sich hier vor allem auf Letztere bezogen wird. Dazu gehören neben Gesten und individualisierten Gebärden auch die basale Kommunikation, zu der u.a. Mimik, Körpertonus, Atmung, Lautäußerungen und Augenbewegung gehören [1] .
Die Wahrnehmung und angemessene Reaktion auf körpereigene Kommunikationsformen sind vor allem bei Menschen mit komplexen Behinderungen ein zentraler Bestandteil teilhabeorientierten Unterstützungshandelns. Um auf basale Kommunikationsäußerungen reagieren zu können, ist eine sensible, aufmerksam suchende Haltung der Unterstützer*innen unerlässlich und bildet die Grundlage zur Ermöglichung gelingender Teilhabemomente. Externe Kommunikationshilfen, wie Talker, Symbolkarten oder digitale Apps, können eine sinnvolle Ergänzung sein, da sie den kommunikativen Handlungsspielraum der Person erweitern können.
Für eine personzentrierte Unterstützung ist es daher wesentlich, ein multimodales Kommunikationssystem zu etablieren, das körpereigene Kommunikationsmittel mit externen Kommunikationshilfen verbindet und sich an den Möglichkeiten der jeweiligen Person orientiert [2].
Im Kontext des LINKED-Projekts zeigte sich in einer Vielzahl von Momenten, dass die Unterstützenden sensibel und multimodal das Verstehen und Verständigen fokussieren und durch unterstützende und angepasste kommunikative Möglichkeiten zu einer teilhabeorientierten Kommunikations- und Beziehungsestaltung beitragen.
Haltung
Haltung
Die Unterstützungspersonen zeigen eine ausgeprägte Sensibilität für individuelle Bedarfe, indem sie aufmerksam auf körpereigene Kommunikation reagieren und gezielt nach Bedürfnissen fragen bzw. auf entsprechende Äußerungen eingehen. Sie verfolgen eine suchende und offene Haltung gegenüber gelingender Teilhabe und passen ihre Unterstützungsform situativ an, um alltägliche Teilhabemomente zu ermöglichen. Dabei nehmen sie aktiv wahr, welche Bedingungen Teilhabe fördern und unterstützen gezielt bei der Umsetzung konkreter Handlungen. Grundlage des Unterstützungshandelns ist ein ressourcenorientiertes Menschenbild, das sich in der personenzentrierten Auswahl von Angeboten widerspiegelten.
Die Unterstützung von Menschen mit komplexen Behinderungen ist durch verschiedene Spannungsfelder geprägt. Überall dort, wo keine 1:1 Begleitung erfolgt, müssen Unterstützer*innen unterschiedliche Interessen zwischen der Gruppe und den Einzelpersonen austarieren [3]. Auch innerhalb eines strukturierten und routinierten Alltags müssen Unterstützer*innen gleichzeitig Raum für das spontane Ausleben individueller Bedürfnisse schaffen [4]. Weiterhin müssen sie bei einem sehr hohen Unterstützungsbedarf der Personen auf individuelle Bedürfnisse eingehen und Möglichkeiten von selbstbestimmten Entscheidungen schaffen. Durch die oftmals eingeschränkte Möglichkeit zur verbalsprachlichen Kommunikation zwischen Unterstützer*innen und Menschen mit komplexen Behinderungen ist das professionelle Handeln häufig von Unsicherheiten und Vermutungen geprägt [5].
Im Lebensbereich Wohnen bewegt sich das Unterstützer*innenhandeln zudem in einem Spannungsfeld zwischen einer engen, vertrauensvollen Beziehung, die insbesondere bei der Übernahme von körpernahen Pflegetätigkeiten bedeutsam ist, und der gleichzeitigen Wahrung einer professionellen Distanz zu den Bewohner*innen [6].
Diese Spannungsfelder erfordern ein reflektiertes Unterstützungshandeln, das bedeutet, sich der eigenen Einflussnahme bewusst zu sein, sensibel mit bestehenden Machtasymmetrien umzugehen und das eigene pädagogische Handeln im Team regelmäßig kritisch zu hinterfragen.
Durch achtsames Handeln können so individuelle Teilhabemomente bewusst(er) gestaltet werden. Offenheit und Flexibilität – sowohl innerhalb des Teams als auch in der Tagesstruktur und im Umgang mit herausfordernden Situationen – erweisen sich dabei als zentrale Voraussetzungen, um angemessen auf individuelle Bedürfnisse zu reagieren und Veränderungsprozesse aktiv mitzugestalten.
Besonderheiten des Unterstützer*innenhandeln in den Lebensbereichen
Unterstützer*innenhandeln im Lebensbereich Arbeit
Unterstützer*innenhandeln im Lebensbereich Arbeit
Unterstützer*innen der Einzelfallstudien begleiten Arbeitsprozesse, indem sie einzelne Handlungsschritte in den Gesamtprozess einordnen, Struktur und Ablauf erklären sowie Orientierung geben. Angebote zum Mitmachen werden multimodal (auf verschiedenen Wahrnehmungs- und Verstehensebenen) kommuniziert, sodass eigenständige Entscheidungen (z.B. auch Ablehnung) möglich sind. Tätigkeiten werden in Teilschritte unterteilt, um eine selbstständige Übernahme zu ermöglichen. Die Unterstützung erfolgt dabei etwa durch Handführung oder in Form einer Arbeitskette. Unterstützer*innen eröffnen das Verständnis über den Stand im Arbeitsprozess, etwa durch Rückmeldungen auf basal-sinnlicher Ebene oder durch verbale Ankündigung der nächsten Arbeitsschritte.
Unterstützer*innenhandeln im Lebensbereich Wohnen
Unterstützer*innenhandeln im Lebensbereich Wohnen
Die Feldstudie zum Wohnen zeigt, dass die Unterstützer*innen fürsorglich handeln, indem sie pflegerische Aufgaben übernehmen und die Erfüllung von Grundbedürfnissen wie Nahrung, Ruhe und Erholung sichern. Sie schaffen darüber hinaus Räume für die Mitgestaltung individueller Tagesabläufe, etwa durch Entscheidungen über Rückzug oder Gemeinschaft, Beteiligung an Alltagsaufgaben oder individuelle Tagesroutinen.
Die Unterstützungspersonen ermöglichen es, ein Gefühl von Zugehörigkeit zu erleben, beispielsweise durch persönliche Begrüßungen und gemeinschaftliche Aktivitäten. Sie geben den Bewohner*innen die Möglichkeit aktiver (Mit-)Gestaltung des Wohnraums und Wohnerlebens, z.B. durch Musik oder gemeinsames Dekorieren zu Feiertagen.
Unterstützer*innenhandeln im Lebensbereich Freizeit
Unterstützer*innenhandeln im Lebensbereich Freizeit
Die Unterstützer*innen der Einzelfallstudien planen und gestalten Freizeitaktivitäten individuell und interessenorientiert, bieten personzentrierte Wahlmöglichkeiten und passen die Tagesstruktur flexibel an die Bedürfnisse und Bedarfe der Teilnehmenden an. Eine suchende und aufmerksame Haltung zeigt sich hier auch darin, dass sie den Personenkreis stets mitdenken und Veranstaltungen oder Angebote raussuchen oder kreieren, um Raum für neue Lern- und Erfahrungsräume zu schaffen. Spontane Interessen und Beobachtungen werden aufgegriffen und in die Freizeitgestaltung integriert, um interessenbasierte Erlebnisse zu ermöglichen. Die Beziehungsgestaltung ist durch eine lockere, freundschaftliche Atmosphäre mit gemeinsamen Späßen und Lachen geprägt, wodurch Zugehörigkeit und Gemeinschaft vermittelt werden.
Quellen
[1] Spreer & Wahl, 2020 [2] ebd. [3] Birnbacher, 2025 [4] ebd. [5] ebd. [6] ebd.
Literatur
Birnbacher M. (2025): Alltägliche Lebensführung – Handlungsspielräume von Menschen mit komplexen Beeinträchtigungen auf der Mikro-Ebene. In: I. Beck & D. Franz (2025) Lebenslagen von Menschen mit komplexen Beeinträchtigungen. Kohlhammer.
El Moussaoui, L. (2024): Arbeiten im Zuhause anderer: Zum Spannungsfeld von persönlichen und professionellen Beziehungen im Kontext des Wohnens bei Menschen mit geistigen und komplexen Behinderungen. [Unveröffentlichte Masterarbeit]. Universität zu Köln.
Spreer, M. & Wahl, M. (2020): Unterstützte Kommunikation – individualisiertes, multimodales Realisieren von Kommunikation. Sprache · Stimme · Gehör 2020; 44(03): 134-138. https://doi.org/10.1055/a-1161-1183
