Buch über mich

KONKRETISIERUNG  ·  Ein Buch über mich

 

SACHASPEKTE UND POTENZIAL

Ein individuelles Buch, in dem Informationen über Vorlieben und Abneigungen, wichtige Ereignisse der Vergangenheit und der Gegenwart, Bezugspersonen, Gewohnheiten und Hobbys dargestellt werden, kann den Beschäftigten dabei helfen, ihre Lebensgeschichte präsent zu halten, mit anderen zu teilen und sie fortzuschreiben.

Für Mitarbeiter_innen an Arbeits- und Bildungsorten können diese Bücher gleichzeitig einen Anlass schaffen, sich mit der Lebensgeschichte der Beschäftigten genauer auseinanderzusetzen und mit ihnen darüber ins Gespräch zu kommen. So eröffnet sich für alte und neue Mitarbeiter_innen die Möglichkeit, von den Beschäftigten selbst Informationen zu bekommen, die über die Einträge in Akten und Dokumentationen hinausgehen.

An der Erstellung des Buches sollten die Beschäftigten in jedem Fall beteiligt werden. Die Freiwilligkeit des Angebots sollte beachtet werden. Bei Beschäftigten, die nicht selbst über sich erzählen können, bietet es sich an, enge Bezugspersonen einzubeziehen. Die Privatsphäre der Beschäftigten sollte hierbei unbedingt geachtet werden: Das Buch stellt ihr Eigentum dar, sie entscheiden selbst, mit wem sie welche Informationen teilen. Für Beschäftigte, die dies nicht unmissverständlich äußern können, gilt es Wege zu finden, wie auch hier ein sensibler Umgang ermöglicht werden kann, z. B. indem andere Personen in Entscheidungen darüber einbezogen werden, zu denen die Person ein vertrauensvolles Verhältnis hat.

Die Darstellungsformen, die gewählt werden, sollten an die Bedürfnisse und Kompetenzen der Beschäftigten angepasst werden. Es bietet sich an, mit Gegenständen und Fotos zu arbeiten. Fotos können durch Bildunterschriften und Piktogramme ergänzt werden. Erklärende Texte können für Beschäftigte, die nicht selbstständig lesen können, beispielsweise mit Hilfe von Anybook Readern zugänglich gemacht werden.

Das Buch kann außerdem um weitere Materialien ergänzt werden. Die Beschäftigten können beispielsweise ein kleines Archiv mit Dingen anlegen, die für sie eine besondere Bedeutung haben. Dieses kann zu Hause aufbewahrt werden. Für Beschäftigte, die auf multisensorische Zugänge angewiesen sind, kann es sich ebenfalls anbieten, eine Kiste anzulegen, die Dinge enthält, die für die Beschäftigten eine biografische Bedeutung haben. Diese kann beispielsweise eine CD mit der aktuellen Lieblingsmusik, die Lieblingscreme für die Hände und das liebste Spielmaterial enthalten. Zusammen mit Erklärungen im Buch, wann und wie lange dieses Material schon zu den eigenen Vorlieben gehört, eröffnen sich auch hier Möglichkeiten, die Biografie des Beschäftigten in den Blick zu nehmen. Das Buch und auch die Archive sollten ständig ergänzt und aktuell gehalten werden. Für die Bücher bietet es sich daher an, einen Ringordner zu verwenden.

Vorschläge für die Gestaltung des Buches in unterschiedlichen Differenzierungen finden Sie in den (weiterführenden) Materialien.

IMPULSFRAGEN

Was hat für die Beschäftigten aktuell eine besondere Bedeutung?

Welche wichtigen Ereignisse aus der Vergangenheit beeinflussen sie noch heute?

Welche Erlebnisse möchten die jeweiligen Beschäftigten nur mit wenigen engen Vertrauten teilen?

Wer könnte helfen, mehr aus der Vergangenheit des Beschäftigten zu erfahren?

Wie können wichtige Ereignisse für die Beschäftigten erfahrbar gemacht werden?

DIFFERENZIERUNG
  • Spiegelbild betrachten lassen
  • Veränderungen gemeinsam erkunden (z. B. „Fühlen Sie mal, Ihr Gesicht ist ganz stoppelig“, „Schauen Sie mal, hier ist ein graues Haar“)
  • Gegenstände auswählen, die besonders gut zu ertasten sind (z. B. aufgrund von Kanten oder Noppen) oder besonders markante Eindrücke beim Betasten vermitteln (z. B. besonders weich oder rau sind)
  • andere Wahrnehmungsbereiche nutzen, um Erinnerungen hervorzurufen
  • deutliche Kontraste auf Buchseiten wählen und auf klare Strukturierung achten (z. B. schwarze Schrift auf weißem Untergrund, nur ein Foto pro Seite)
  • Erklärungen zu den Fotos zugänglich machen (z. B. Braille-Schrift, Anybook Reader, sprechende Fotoalben)
  • andere Sinne ansprechen (z. B. Gerüche)
  • einen ruhigen Ort suchen, um sich auszutauschen
  • Fotos und Piktogramme nutzen
  • Lieder aus der Kindheit mit deutlichem Bass-Rhythmus auswählen

HANDLUNGSLEITENDE PRINZIPIEN
  • Bestimmen lassen, was auf den Seiten des Buches aufgeschrieben wird und was nicht
  • ‚geheime‘ Seiten einfügen, die nur nach Rücksprache geöffnet werden dürfen
  • das Ablehnen des Angebots akzeptieren
  • in der Gruppe entscheiden, wie die Ergebnisse zugänglich gemacht werden (z. B. Ausstellung, in persönlichen Gesprächen, gar nicht)
  • die Lebensgeschichte der Beschäftigten anerkennen
  • die Kompetenz der Beschäftigten, ihre eigene Lebensgeschichte zu erzählen, fördern und unterstützen
  • den Beschäftigten darin bestärken, eigene Wünsche für die Zukunft zu entwickeln
  • Gesprächsanlässe aufgreifen (z. B. Gegenstände, die an etwas erinnern, gemeinsame Betrachtung des fertigen Buches oder einzelner Seiten)
  • Abbruch der Kommunikation akzeptieren
  • ggf. ruhige Orte finden, um ins Gespräch zu kommen
  • Privatsphäre achten
  • mit Trauer umgehen und ggf. weiterführende Unterstützungsangebote organisieren
  • das Buch mitgestalten und weiter bearbeiten lassen
  • den Beschäftigten die Möglichkeit geben, ihre eigene Geschichte (mit Unterstützung) zu erzählen
THEMENBEZOGENES WORTFELD
  • das Buch
  • die Familie
  • die Eltern
  • der Bruder
  • die Schwester
  • die Lehrerin
  • der Lehrer
  • die Betreuerin
  • der Betreuer
  • erinnern
  • erzählen
  • fragen
  • geboren
  • gestorben
  • schön
  • blöd
  • gerne
  • nicht gerne
  • traurig
  • vorher
  • hinterher
  • damals
  • das war schön
  • das war blöd
  • das mag ich heute noch
  • früher
  • bald
BEISPIELPLANUNG

Um die Beschäftigten auf das Angebot vorzubereiten, wird mit ihnen zunächst die Bedeutung von Biografien erarbeitet. Hierzu kann es hilfreich sein, sich über Biografien bekannter Personen (z. B. Stars oder Sportler) zu informieren und davon ausgehend erste Überlegungen anzustellen, wie man sich selbst im Laufe der Zeit verändert hat.

Grundsätzlich bietet es sich an, wann immer dies möglich ist, mit den Beschäftigten individuell zu arbeiten. Der Einstieg kann ggf. jedoch auch als Gruppenangebot realisiert werden. Grundsätzlich sollten die Beschäftigten immer in den Entstehungsprozesses ihres Buches eingebunden werden, auch wenn die Sammlung der Informationen mit Hilfe von Bezugspersonen geschieht.

Den Beschäftigten soll zunächst ein Zugang zu sich selbst in der Gegenwart eröffnet werden. Hierzu können Vorlieben und Abneigungen gesammelt und dargestellt werden. Die Beschäftigten können Fotos an ihren Lieblingsorten und bei beliebten Aktivitäten anfertigen. Außerdem können wichtige Bezugspersonen fotografiert werden. Diese Sammlung kann bereits den Ausgangspunkt für die erste(n) Seite(n) des Buches, die ‚Seite über mich‘, darstellen.

Wird die Biografiearbeit stellvertretend durchgeführt, bietet es sich, je nach Größe des Unterstützer_innenkreises an, separate Termine anzubieten. Zudem kann es ratsam sein, Themen, die sehr sensible sind, in kleineren Gruppen und ausschließlich mit vertrauten Personen zu besprechen. Je nach Möglichkeiten können allgemeine Themen gemeinsam bearbeitet werden, um den Beschäftigten die Chance zu bieten, in einen gemeinsamen Austausch zu kommen. Für die gemeinsame Arbeit bieten sich beispielsweise folgende Seiten an:

  • Seiten über mich
  • Seiten über einen Tag am Arbeits- und Bildungsort (Teilnahme an Angeboten, Arbeitsplatz)
  • Seiten über Aktivitäten oder Personen zuhause, in der Wohngruppe etc.

Für die Erarbeitung in kleiner Gruppen oder in der 1:1-Situation eignen sich hingegen Seiten, die Informationen über

  • wichtige Personen,
  • wichtige Ereignisse in der Vergangenheit,
  • Kindheitserinnerungen,
  • Wünsche für die Zukunft

enthalten.

Selbstverständlich können die Arbeitsergebnisse hinterher der restlichen Gruppe oder ausgewählten Personen präsentiert werden.

Für die meisten Beschäftigten werden sich multisensorische Zugänge am besten eignen, um einen Bezug zur eigenen Biografie herzustellen. Das gestaltete Buch dient dann insbesondere zum Zeigen und als Dokumentation der eigenen Biografie für andere. Zusätzlich zum Buch kann ein Archiv in Form einer kleinen Kiste angelegt werden, die biografisch bedeutsame Objekte enthält und gemeinsam mit Bezugspersonen, aber auch alleine genutzt werden kann.

Das Projekt kommt mit der Fertigstellung des Buches und ggf. des Archivs nur zu einem vorläufigen Ende. Die Fortschreibung des Buches und das weitere Sammeln von Erinnerungsstücken, das Eintragen von Veränderungen, die Dokumentation wichtiger Ereignisse usw. sollten fortlaufend geschehen. Das Buch kann von den Beschäftigten neuen Mitarbeiter_innen gezeigt werden und ihnen so dabei helfen, sie schneller kennenzulernen.

Die Integration von Biografiearbeit in den Alltag kann über das Schaffen von Gesprächsanlässen und  multisensorischer Zugänge zur eigenen Biografie beispielsweise bei der Pflege verwirklicht werden.