Älter werden

PROFIL

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

– Rainer Maria Rilke –

Die Lebenserwartung von Menschen mit schwerer Behinderung ist in Folge einer verbesserten medizinischen Versorgung in den letzten Jahren angestiegen. Daher sind nun auch Arbeits- und Bildungsorte zunehmend gefordert, auf die verändernden Bedürfnisse und Wünsche von älteren Beschäftigten zu reagieren.

Veränderte Bedürfnisse erkennen und ihnen begegnen

Altern bringt zunächst einmal unterschiedlichste Veränderungen auf der körperlichen Ebene mit sich:

Neben typischen Alterserscheinungen, wie einer Verschlechterung des Seh- und Hörvermögens oder Probleme mit der Beweglichkeit und Koordination, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, an Krankheiten wie z. B. Krebs, Bluthochdruck oder Diabetes zu erkranken, mit zunehmendem Alter. Andere Krankheiten, wie Lungenentzündungen und Magen-Darm-Infekte, können einen schwereren Verlauf nehmen als bei jüngeren Menschen. Hinzu kommt, dass Bewegungsmangel und die Langzeiteinnahme von Medikamenten Krankheiten wie Osteoporose und Arthrose begünstigen.

Menschen mit schwerer Behinderung fällt es häufig schwer, Symptome solcher Erkrankungen so eindeutig auszudrücken, dass sie von ihren Bezugspersonen verlässlich gedeutet werden können. Sie sind daher darauf angewiesen, dass ihre Begleiter_innen aufmerksam sind und bei Verhaltensveränderungen auch altersbedingte Erkrankungen mitdenken. Darüber hinaus sollten sie auch  einen veränderten Verlauf von Krankheiten in dieser Lebensphase mit im Blick haben.

Außerdem kann sich das individuelle Bedürfnis nach Ruhe und Erholung mit zunehmendem Alter verändern. Auch diesem Bedürfnis sollte bei der Gestaltung von Angeboten an Arbeits- und Bildungsorten für Menschen mit schwerer Behinderung Rechnung getragen werden.

Das Alter als ‚reichen‘ Lebensabschnitt gestalten

Auf struktureller und organisatorischer Ebene gilt es, den veränderten Bedürfnissen der Beschäftigten auch durch individualisierte Maßnahmen zu begegnen: So kann es hilfreich sein, mehr Pausen in den Tagesablauf zu integrieren oder verkürzte Arbeitszeiten für die Beschäftigten anzubieten. Ist das Ausscheiden vom Arbeits- und Bildungsort mit Eintritt in das Rentenalter geplant, sollte dieser Übergang in einen neuen Lebensabschnitt in Zusammenarbeit mit Bezugspersonen des Beschäftigten vorbereitet werden. Diese Veränderung sollte so begleitet werden, dass die entstehende freie Zeit für die Beschäftigten sinnvoll genutzt werden kann. Hierzu empfiehlt es sich, rechtzeitig Freizeitaktivitäten zu suchen, die den Beschäftigten Freude bereiten. Gleichzeitig kann die Abkehr von Angeboten, die primär der Förderung dienen, und eine Schwerpunktsetzung auf eher genuss- und erlebnisorientierte Angebote einen Beitrag dazu leisten, ein Gefühl für den Ruhestand zu bekommen und auch diesen Lebensabschnitt so als subjektiv sinnvoll und „reich“ zu erleben.

THEMENSPEKTRUM

Die folgenden exemplarischen inhaltlichen Impulse sollen die Breite des Themenspektrums herausstellen. Sie beziehen sich sowohl auf Mitarbeiter als auch auf Beschäftigte

  • Veränderungen des eigenen Körpers in Pflegesituationen wahrnehmen (z. B. Bartwuchs, Veränderungen der Beweglichkeit)
  • das Altern an äußeren Merkmalen beobachten (z. B. dünner werdendes Haar, erste graue Haare, Falten)
  • Veränderungen der Bewegungsfähigkeit wahrnehmen (z.B. in Zusammenhang mit einer zunehmenden Versteifung der Gelenke) und häufigere Bewegungspausen einplanen bzw. entlastende Positionen schaffen
  • erste Alterungserscheinungen optisch korrigieren (z. B. Haare färben, Anti-Falten-Cremes nutzen)
  • veränderten körperlichen Voraussetzungen mit entsprechenden Hilfsmitteln begegnen (z. B. Brille, Hörgeräte, Rollstuhl)
  • den alltäglichen Ablauf anpassen (z. B. Pausen und Arbeitszeiten individuell festlegen, Ruheräume einrichten)
  • den Arbeitsplatz den veränderten Bedürfnissen anpassen (z. B. Hilfsmittel einsetzen, Beleuchtung anpassen, Materialien an festen Platz stellen)
  • spezifische Angebote für ältere Beschäftigte gestalten (z. B. Kreatives, Entspannung, Bewegungsförderung, Gesprächsangebote)
  • Übergänge gestalten (z. B. Geburtstage feiern, Abschiedsfest vom Arbeits- und Bildungsort feiern, neue Mitarbeiter_innen über Rituale und Eigenheiten der Beschäftigten informieren)
  • das Wohlbefinden steigern, indem vertraute Sinneserfahrungen berücksichtigt und ggf. reaktiviert werden (z. B. bekannte Cremes in Pflegesituationen verwenden)
  • den Alltag bewegungsförderlich gestalten (z. B. Eigenaktivität in Pflegesituationen ermöglichen)
  • Sicherheit ermöglichen, indem Gewohnheiten beibehalten werden (z. B. bestimmte ritualisierte Aktivitäten jeden Tag, gleicher Platz beim Mittagessen)
  • Beziehungen zu Freunden und Bekannten pflegen (z. B. an Gruppenangeboten teilnehmen, die Pausen gemeinsam mit anderen Beschäftigten verbringen)
  • Lieb gewonnenen Tätigkeiten nachgehen (z. B. malen, kochen, Vögel im Garten beobachten)
  • Zeit an Lieblingsorten verbringen (z. B. im Café, im Garten)
  • Möglichkeiten der Freizeitgestaltung in der Umgebung kennenlernen (z. B. Angebote für ältere Menschen, Angebote für Menschen mit Behinderung)
  • Aktivitäten erproben und Hobbys finden, die den individuellen Bedürfnissen im Alter gerecht werden (z. B. gesteigertes Ruhebedürfnis, veränderte körperliche Belastbarkeit)
  • Fotos und wichtige persönliche Gegenstände anschauen und aufbewahren
  • Lebensbücher gestalten
  • Angehörige und langjährige Betreuer_innen als stellvertretende Erzähler_innen einbeziehen
  • (Anregungen hierzu finden Sie im Modul Biografiearbeit)
  • mögliche Träume und Wünsche für das Alter mit Hilfe anderer entwickeln (z. B. persönliche Zukunftsplanung mit Bezugspersonen und Angehörigen)
  • Vorstellungen entwickeln, wie der Tag zukünftig gestaltet werden soll (z. B. morgens ausschlafen und erst später an den Arbeits- und Bildungsort gehen, nach dem Mittagessen ausruhen)
  • gemeinsam mit Bezugspersonen überlegen, wer die rechtliche Betreuung zukünftig übernehmen kann (z. B. wenn die eigenen Eltern zu alt werden oder bereits verstorben sind)
  • Abschied nehmen von verstorbenen Bezugspersonen
  • Trauer und Traurigkeit wahrnehmen und ausdrücken (z. B. weinen, wütend sein)
  • an der Trauerfeier für einen Beschäftigten oder Mitarbeiter_innen teilnehmen
  • sich gemeinsam an Verstorbene erinnern (z. B. einen Erinnerungsgarten am Arbeits- und Bildungsort einrichten, das Grab von verstorbenen Bekannten besuchen)
  • eigene Wünsche für das Lebensende formulieren (z. B. mit Unterstützung eine Patientenverfügung ausfüllen)
  • an Abschiedsfeiern von anderen Beschäftigten und Mitarbeiter_innen teilnehmen
  • den eigenen Abschied vom Arbeits- und Bildungsort planen und gestalten (z. B. mit befreundeten Beschäftigten oder Mitarbeiter_innen)
  • sukzessive Vorbereitung des Ausscheidens aus dem Arbeits- und Bildungsort und Erprobung des neuen Tages- und Wochenrhythmus (z. B. Reduzierung der Anwesenheitszeit am Arbeits- und Bildungsort, Erprobung neuer Freizeitaktivitäten in Kooperation mit der Wohneinrichtung)
Icon für Literatur

Beyrle, H. (2015): Angeborene Behinderung oder altersbedingt „erworbene Behinderung“ – macht die Betreuung im Alter noch einen Unterschied? In: Maier-Michalitsch, N./ Grunick, G. (Hgg.): Alternde Menschen mit Komplexer Behinderung. Leben pur. Düsseldorf: verlag selbstbestimmtes leben, S. 113-118.

Blok, N. (2015): Zukunftsplanung? Auch für Menschen mit Komplexer Behinderung im Alter. In: Maier-Michalitsch, N./ Grunick, G. (Hgg.): Alternde Menschen mit Komplexer Behinderung. Düsseldorf: verlag selbstbestimmtes leben, S. 130-139.

Buchholz, Th./ Schürenberg, A. (2019): Basale Stimulation in der Pflege alter Menschen. In: Mohr, L./ Zündel, M./ Fröhlich, A. (Hgg.): Basale Stimulation. Das Handbuch. 1. Auflage. Bern: Hogrefe, S. 494-506.

Damag, A./ Schlichting, H. (2016): Essen – Trinken – Verdauen: Förderung, Pflege und Therapie bei Menschen mit schwerer Behinderung, Erkrankung im Alter. Göttingen: Hogrefe.

Ehlers, M. (2014): Berichte aus der Praxis und Thesenversuche. In: Maier-Michalitsch, N./ Grunick, G. (Hgg.): Leben bis zuletzt – Sterben, Tod und Trauer bei Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderung. Leben pur. Düsseldorf: verlag selbstbestimmtes leben, S. 98-106.

Fornefeld, B. (2019): Teilhabe ist Gabe – Zum Verständnis von Teilhabe im Kontext von Erwachsenen und alternden Menschen mit Komplexer Behinderung. In: Teilhabe, (1), S. 4-9

Gissel, A. (2017): Das letzte Hemd hat keine Taschen – oder (vielleicht) doch? Menschen mit Behinderung in ihrer Trauer begleiten. Marburg: Lebenshilfe-Verlag.

Havemann, M./ Stöppler, R. (2014): Wenn Menschen mit geistiger Behinderung altern: Ressourcen und Bedürfnisse. In: Bruhn, R./ Straßer, B. (Hgg.): Palliative Care für Menschen mit geistiger Behinderung. Interdisziplinäre Perspektiven für die Begleitung am Lebensende, S. 65–74.

Hollander, J./ Mair, H. (2006): Den Ruhestand gestalten. Case Management in der Unterstützung von Menschen mit Behinderungen. Düsseldorf: verlag selbstbestimmtes leben.

Horst, M. vor der (2015): Erfahrungsbericht aus einer Wohngemeinschaft für Menschen mit Behinderung und Demenz bei Leben mit Behinderung Hamburg Sozialeinrichtungen. In: Maier-Michalitsch, N./ Grunick, G. (Hgg.): Alternde Menschen mit Komplexer Behinderung. Leben pur. Düsseldorf: verlag selbstbestimmtes leben, S. 140-146.

Jarmerstedt, M. von (2014): Sterben, Tod und Trauer: Rituale. In: Maier-Michalitsch, N./ Grunick, G. (Hgg.): Leben bis zuletzt – Sterben, Tod und Trauer bei Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderung. Leben pur. Düsseldorf: verlag selbstbestimmtes leben, S. 178-196.

Kistner, H. (2014): Das eigene Leben studieren – vom Leben lernen. Biografiearbeit mit Menschen mit schwerer Behinderung im Umfeld von Sterben, Tod und Trauer. In: Maier-Michalitsch, N./ Grunick, G. (Hgg.): Leben bis zuletzt – Sterben, Tod und Trauer bei Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderung. Leben pur. Düsseldorf: verlag selbstbestimmtes leben, S. 155-177.

Kranich, M. (2015): „Und manchmal ist es doch das ganz normale Altwerden…“ – Alterungsprozesse bei Menschen mit Komplexer Behinderung erkennen. In: Maier-Michalitsch, N./ Grunick, G. (Hgg.): Alternde Menschen mit Komplexer Behinderung. Leben pur. Düsseldorf: verlag selbstbestimmtes leben, S. 69-83.

Lindmeier, B. (2013): Selbstbestimmt leben im Alter. Anforderungen an die Angebotsgestaltung für lebenslang (geistig) behinderte Menschen. In: Sonderpädagogische Förderung heute (1), S. 9–25.

Lindmeier, B. (2016): Vor dem Alter sind nicht alle gleich! Wie sehen Menschen mit lebenslangen Behinderungen ihr Alter? Kommentierte Gespräche mit älter werdenden Menschen mit geistiger Behinderung. In VHN (2), S. 152-159.

Lindmeier, B./ Oermann, L. (2017): Biographiearbeit mit behinderten Menschen im Alter. Weinheim: Beltz Juventa.

Lindmeier, B./ Oermann, L. (Hgg.) (2014): Mein Lebensbuch. Was für mich und andere wichtig ist. Karlsruhe: Von-Loeper-Literaturverlag.

Lindmeier, Ch. (2015): Stellvertretende Biographiearbeit mit Menschen mit schweren Behinderungen im Alter – eine Annäherung. In: Leben pur – alternde Menschen mit komplexer Behinderung. Düsseldorf: verlag selbstbestimmtes leben, S. 119–129.

Luchterhand, Ch./ Murphy, N. (2010): Wenn Menschen mit geistiger Behinderung trauern. Vorschläge zur Unterstützung. Weinheim: Beltz Juventa.

Maier-Michalitsch, N./ Grunick, G. (Hgg.) (2014): Leben bis zuletzt – Sterben, Tod un Trauer bei Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderung. Leben pur. Düsseldorf: verlag selbstbestimmtes leben.

Maier-Michalitsch, N./ Grunick, G. (Hgg.) (2015): Alternde Menschen mit Komplexer Behinderung. Leben pur. Düsseldorf: verlag selbstbestimmtes leben.

Menschen. Zeitschrift für gemeinsamees Leben, Lernen und Arbeiten: Themenheft: Da-Sein bis zuletzt. In: Menschen. Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten, Nr. 1/2021 44. Jahrgang.

Ruhsert, G. (2014): Spiritualität und Komplexe Behinderung – Tragendes in Leben und Sterben. In: Maier-Michalitsch, N./ Grunick, G. (Hgg.): Leben bis zuletzt – Sterben, Tod un Trauer bei Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderung. Leben pur. Düsseldorf: verlag selbstbestimmtes leben, S. 84-97.

Schäper, S./ Dieckmann, F. (2015): Das Alter als wertvolle Lebensphase erleben – auch mit Komplexer Behinderung. In: Maier-Michalitsch, N./ Grunick, G. (Hgg.): Alternde Menschen mit Komplexer Behinderung. Leben pur. Düsseldorf: verlag selbstbestimmtes leben, S. 9-39.

Schniering, S. (2014): Begleitung bis zuletzt. Mit tänzerischen und literarischen Elementen. In: Maier-Michalitsch, N./ Grunick, G. (Hgg.): Leben bis zuletzt – Sterben, Tod und Trauer bei Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderung. Leben pur. Düsseldorf: verlag selbstbestimmtes leben, S. 245ff.

Thimianidou, B. (2015): Lebensqualität bei alternden Menschen mit Komplexer Behinderung. In: Maier-Michalitsch, N./ Grunick, G. (Hgg.): Alternde Menschen mit Komplexer Behinderung. Leben pur. Düsseldorf: verlag selbstbestimmtes leben, S. 53-60.

Wilken, E. (2013): Alterungsprozesse und Lebensqualität bei Menschen mit Down-Syndrom. In: Teilhabe (4), S. 158–161.

Young, H./ Garrard, B./ Lambe, L./ Hogg, J. (2014): Trauer verstehen und mit Trauer umgehen bei Menschen mit Komplexen Behinderungen. In: Maier-Michalitsch, N./ Grunick, G. (Hgg.): Leben bis zuletzt – Sterben, Tod und Trauer bei Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderung. Leben pur. Düsseldorf: verlag selbstbestimmtes leben, S. 120-131.

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(weiterführende) MATERIALIEN

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