Literatur

PROFIL

Literarische Texte begegnen uns in vielfältiger Weise: in Sprachspielen und Reimen, als Zitate in der Alltagssprache, im Erzählen zu Bildern, beim Schmökern in einem Roman, beim Miterleben einer Theaterinszenierung, beim Anhöhren von Hörbüchern usw.

Literatur – individuell und kulturell bedeutsam

Im Mittelpunkt literarischer Angebote an Arbeits- und Bildungsorten können Texte stehen, die Teil des sogenannten kulturellen Erbes sind, wie „Romeo und Julia“, „Der Zauberlehrling“ oder „Die Abenteuer des Sherlock Holmes“. Bei den mehr­Sinn Geschichten® (vgl. Fornefeld 2016), die insbesondere für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf konzipiert wurden, wird z. B. der Schwerpunkt auf Geschichten gelegt, die innerhalb eines Kulturkreises von Generation zu Generation weitererzählt werden: Märchen, Sagen und Legenden.

Darüber hinaus können jedoch auch viele andere literarische Texte für Menschen mit schwerer Behinderung multimedial so aufbereitet werden, dass sie inhaltlich und sprachlich (zumindest in Ausschnitten) zugängig werden. Insbesondere sollten dabei Texte einbezogen werden, die aktuelle Interessen der Beschäftigten an Arbeits- und Bildungsorten aufgreifen und für sie so individuell bedeutsam werden können (z. B. Geschichten über Liebe, das Leben in der Stadt, Abenteuer, Tiere).

Das Lesen bzw. die Auseinandersetzung mit literarischen Texten soll v. a. unterhalten, zum Staunen anregen und Spaß machen. Literatur kann jedoch auch dabei helfen, die Welt und die Beziehungen, in denen wir leben, besser zu verstehen, sie kann Mut machen, Trost spenden und die unterschiedlichsten Themen in besonderer Weise zur Sprache bringen. In literarischen Texten können (Phantasie-)Welten kennengelernt und erschaffen werden – jenseits des Alltags.

Literarische Texte multimedial und sinnlich erlebbar machen

Um Menschen mit schwerer Behinderung Erzählungen, Gedichte, Theaterstücke oder andere literarische Texte näherzubringen, reicht es zumeist nicht aus, diese gemeinsam zu lesen oder vorzulesen. Allein durch das Zuhören ist es für viele Beschäftigte nicht möglich, das Erzählte zu verstehen. Vielmehr geht es darum, Geschichten in einer umfassenden, sinnlichen Weise erlebbar zu machen:

„Eine anregende, mitreißende, Neugier erzeugende Sprache und Tonführung verbunden mit einer sinntragenden Musik, entsprechenden Requisiten zum Anschauen, Lauschen, Fühlen, Schmecken und Riechen eröffnen den Inhalt der Geschichte und vermitteln ihn sinnlich.“ (Fornefeld 2016, S. 6)

Das Angewiesen-Sein auf solch eine multimediale Unterstützung beim Erfahren und Verstehen der Handlung und Stimmung von literarischen Texten bedeutet nicht, dass automatisch Kinderbücher und einfache Texte zum Einsatz kommen müssen. Es sollte vielmehr zusammen mit den Beschäftigten eine altersgemäße Auswahl an Literatur getroffen werden.

Häufig können längere literarische Texte nur in Ausschnitten kennengelernt werden, und es ist bei der Vorbereitung des literarischen Angebots notwendig, den Text zu kürzen und sich auf einzelne inhaltliche Schwerpunkte zu konzentrieren. Die geformte, oft klangvolle Sprache des Ausgangstextes sollte bei der Bearbeitung jedoch nicht vollständig verschwinden, sondern vielmehr die Freude am Sprachklang und -rhythmus, an Reimen und Wortspielen durch literarische Angebote angeregt werden. Anders als Sachtexte ermöglicht es Literatur gerade durch ihren Sprachklang und Sprachrhythmus, eine besondere Stimmung zu entfalten und dadurch ästhetische Erfahrungen zu eröffnen.

Bei literarischen Angeboten kann zwischen aktiven, rezeptiven und reflexiven Prozessen der Auseinandersetzung mit Literatur unterschieden werden. → weiterführende Materialien

THEMENSPEKTRUM

Die folgenden exemplarischen inhaltlichen Impulse sollen die Breite des Themenspektrums herausstellen. Sie beziehen sich sowohl auf Mitarbeiter als auch auf Beschäftigte.

  • Bücher mit speziellen Wahrnehmungsreizen nutzen (Knistern, unterschiedliche Haptik, vielfältige Farben und visuelle Eindrücke)
  • Fühlbuch zu persönlichen Erlebnissen, Ereignissen, Festen z. B. aus zusammengehefteten Filzplatten selbst anfertigen
  • sich verkleiden und verschiedene Figuren darstellen
  • einzelne Szenen und Dialoge aus Geschichten nachspielen
  • ins Theater gehen
  • Bilder und Bildabfolgen zu zweit betrachten
  • Geschichten zu einzelnen Bildern und Bildabfolgen erzählen (z. B. zu Zeichnungen, Fotos, Comics mit leeren Sprechblasen)
  • Bilder in eine Reihenfolge bringen und dazu erzählen (lassen)
  • Pop-up-Bücher zu verschiedenen altersgemäßen Themen nutzen (z. B. Legenden, Abenteuergeschichten)
  • Comics und Graphic Novels anschauen und lesen
  • ein ‚Bilderkino‘ veranstalten (Bilder mit Beamer an die Wand projizieren und dazu erzählen)
  • Erzähltheater (Kamishibai) nutzen
  • eigene Bildgeschichten erstellen (z. B. als Fotostory, aus gemalten Bildern oder Piktogrammen)
  • Fotogeschichten zu verschiedenen Themen erstellen (z. B. Foto-Love-Story, Heldengeschichten)
  • Buch- bzw. Erzähl-Apps nutzen (z. B. „Spot“ von David Wiesner, Scratch)
  • Reime und Sprachklang durch Wiederholungen bewusst machen (vortragen und nachsprechen, auch mit Bewegungen, UK-Geräte wie BIGmack und Step-by-Step einbeziehen)
  • (bekannte) Reime, Sprüche, Sprichworte kennenlernen und ggf. als Ritual in Alltags- und Angebotssituationen mit einbeziehen (z. B. bei Sportangeboten)
  • kurze Gedichte bzw. Reime auswendig lernen (z. B. zu Jahreszeiten, Festen; unterstützt mit Bewegungen)
  • Reime und Gedichte selbst verfassen (z. B. zu individuell wichtigen Themen, besonderen Anlässen)
  • literarische Texte (in Ausschnitten, als Hörbuch, Verfilmung oder szenische Umsetzung) kennenlernen (z. B. Abenteuer-, Krimi-, Liebesgeschichten)
  • Illustrationen betrachten und dazu erzählen
  • kurze Texte selbst lesen
  • literarische Verfilmungen (in Ausschnitten) anschauen
  • Fernsehserien gemeinsam anschauen und nachbesprechen
  • ein Drehbuch schreiben bzw. diktieren
  • mit Filmaufnahmen experimentieren, kurze Filme nach eigenen Ideen drehen (lassen)
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Bernasconi, T. (2013): Literaturunterricht mit Schülern mit geistiger Behinderung. In: Lernen konkret. 32. Jg., H. 3, S. 15–19.

Bernasconi, T./Wittenhorst, M. (2016): Elementarisierung als didaktische Möglichkeit zur Gestaltung von inklusivem Literaturunterricht – Perspektiven aus Sicht des Förderschwerpunktes Geistige Entwicklung. In: Frickel, S.A./ Kagelmann, A. (Hgg.): Der inklusive Blick. Die Literaturdidaktik und ein neues Paradigma. Frankfurt am Main u.a.: Peter Lang, S. 115-132.

Bücheler, H. (2006): „Damit ich endlich unterschreiben kann…“ Lesen- und- Schreiben-Kurse für erwachsene Menschen mit geistiger Behinderung. In: Geistige Behinderung (2), S. 136-144

Dierker, S. (2017): Der Einschätzbogen „UK & Literacy – beobachten, einschätzen, planen“. Unterstützte Kommunikation. In: Die Fachzeitschrift der Gesellschaft für Unterstützte Kommunikation e. V. 22 (3), S. 6–14.

Fornefeld, B. (2016): mehr­Sinn® Geschichten. ERZÄHLEN – ERLEBEN – VERSTEHEN. Konzeptband. (2. überarb. Auflage). Düsseldorf: verlag selbstbestimmtes leben.

Goudarzi, N. (2015): Basale Aktionsgeschichten. Erlebnisgeschichten für Menschen mit schwerer Behinderung. Karlsruhe: von Loeper Literaturverlag 2015

Goudarzi, N. (2017): Basale Aktionsgeschichten – Eine Reise um die Welt. Neue Erlebnisgeschichten für Menschen mit schwerer Behinderung. Karlsruhe: von Loeper Literaturverlag.

Goudarzi, N. (2019): Basale Aktionsgeschichten. Ein Zugang zur Literatur für Lernende mit schwerster Behinderung. IN: Lernen konkret (2), S. 22 – 25.

Goudarzi, N. (2020): Literatur erfahrbar machen – Die Abenteuer des Odysseus als Basale Aktionsgeschichte. IN: blind ‐ sehbehindert. Zeitschrift für das Blinden‐ und Sehbehindertenbildungswesen im deutschsprachigen Raum, Heft 1, S. 365 – 372.

Groß-Kungel, A. (2017): Inklusion und Literaturunterricht – Lesen aus soziokultureller Perspektive betrachtet. In: Bernasconi, T./ Böing, U. (Hgg.): Inklusive Schulen entwickeln – Impulse für die Praxis. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, S. 173–188.

Lamers, W. (2000): Goethe und Matisse für Menschen mit einer schweren Behinderung – Begegnung mit anspruchsvollen Bildungsinhalten. In: Heinen, N./ Lamers, W. (Hgg.): Geistigbehindertenpädagogik als Begegnung. Düsseldorf: verlag selbstbestimmtes leben. S. 177-206.

Lebenshilfe Berlin (Hg.) (2019): Die Liebe und das kleine Herz. Geschichten in einfacher Sprache. Marburg: Lebenshilfe Verlag.

Lebenshilfe Berlin (Hrsg.) (2015): Die Kunst Der Einfachheit. Geschichten in einfacher Sprache. Marburg: Bundesvereinigung Lebenshilfe.

Ossege, T./ Hammerschmidt, D. (2019): Alltagsgeschichten für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung. Vorlesen und anhören – gemeinsam entspannen. München: Ernst Reinhardt Verlag.

Ossege, T./ Hammerschmidt, D. (2019): Fantasiegeschichten für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung. Vorlesen und anhören – gemeinsam entspannen. München: Ernst Reinhardt Verlag.

Seitz, S. (2003): Literaturunterricht für alle – Schule für alle? In: Lamers, W./ Klauß, Th. (Hgg.):… alle Kinder alles lehren! – Aber wie? Theoriegeleitete Praxis bei schwer- und mehrfachbehinderten Menschen. Düsseldorf: verlag selbstbestimmtes leben. S. 213-223.

Wilke, J. (2016): Menschen mit Geistiger Behinderung im Kontext von Lesen und Literatur. Literacy und Geistige Behinderung. Wiesbaden: Springer Fachmedien.

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