Religion & Weltanschauung

PROFIL

Welchen Sinn hat das Leben? Ist alles Zufall? Warum gibt es Leid? Was passiert nach dem Tod? – Antworten suchen auf existenzielle Fragen des Lebens.

Orientierung im Leben finden

Für viele Menschen sind ein persönlicher Glaube und die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft ein wichtiger Bestandteil des Lebens. Für andere spielen religiöse Fragen keine große Rolle im Alltag. Sie beziehen ihre persönliche Orientierung im Leben möglicherweise aus anderen Weltanschauungen (z. B. aus einem humanistisch geprägten Weltbild oder der Anthroposophie). Auch wenn viele Menschen mit schwerer Behinderung die eingangs genannten Fragen vielleicht nicht so klar formulieren können, ist ihnen eine (spirituelle) Suche nach Orientierung im Leben nicht abzusprechen.

Gerade in christlichen Einrichtungen der Behindertenhilfe sind religiöse Routinen im Tages- und Jahresverlauf präsent, jedoch sind passende Angebote der Seelsorge oder des Austauschs über religiöse Fragen für Menschen mit schwerer Behinderung oft begrenzt. Dabei sollte es auch Menschen mit schwerer Behinderung ermöglicht werden die Vielfalt religiösen Lebens kennenzulernen, um sich dann für oder gegen bestimmte Formen der Glaubenspraxis entscheiden zu können.

Religiöse Symbole kennenlernen

Sinnlich-emotionale Zugänge zu Religion und zentralen Fragen des Lebens können z. B. durch den Einbezug von Symbolen, das multisensorische Erzählen religiöser Geschichten oder künstlerisch-musisches Gestalten gelingen. Insbesondere Symbole, z. B. die Kerze, das Wasser oder das Kreuz, haben einen besonderen Stellenwert in Religionen. Symbole sind mehrdeutig, sie lassen einerseits nahsinnliche Wahrnehmungserfahrungen zu und laden andererseits dazu ein sich mit ihrer übertragenen, ideellen Bedeutung auseinanderzusetzen. An einer Kerze z. B. lässt sich die Wärme spüren, Licht und Rauch wahrnehmen. Sie kann jedoch auch für ein stilles Gebet stehen und als Zeichen des Trosts und neuer Zuversicht betrachtet werden. Hinzu kommen zahlreiche religiöse Geschichten und Vergleiche, die auf die Bedeutung des Lichts verweisen.

Auch Vorstellungen von Gott können auf sehr unterschiedliche Weise entwickelt werden. So kann zwischen abstrakten, konkreten, intuitiven oder eher undifferenzierten Vorstellungen unterschieden werden (z. B. Gott als Schöpferkraft, Vaterfigur) (vgl. Anderssohn 2015, S. 289).

Gemeinschaft erleben

Religiöses Leben wird v. a. durch vielfältige positive Erfahrungen in Gemeinschaft erfahrbar. Besonders deutlich wird dies beim gemeinsamen Begehen religiöser Feste, die unseren Kulturkreis prägen, wie Weihnachten und Ostern, oder auch bei wichtigen Ereignissen im Laufe eines Lebens (z. B. bei einer Hochzeit).

Rituale unterstützen das „Gefühl der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft“ (Schweiker 2014, S. 12). Auch bei religiösen Angeboten an Arbeits- und Bildungsorten können verschiedene Rituale genutzt werden, z. B. das Anzünden einer Kerze, ein gemeinsamer Moment der Stille, das Teilen von Essen oder das gemeinsame Singen.

Darüber hinaus wird Gemeinschaft auch durch bewusstes Hinwenden zu einem Mitmenschen und das Wahrnehmen seiner Sorgen und Nöte gefördert: Nicht nur Unterstützung zu erhalten, sondern sich selbst als helfend zu erleben und Trost zu spenden, kann Teil von religiösen Angeboten sein.

Zugehörigkeit und spirituelle Anregung zu erleben sowie sich über Fragen nach dem Lebenssinn und Lebenszielen auszutauschen – all das können Angebote im Bereich „Religion & Weltanschauungen“ ermöglichen. Dabei geht es an Arbeits- und Bildungsorten weniger um das Ausüben einer spezifischen Glaubenspraxis, sondern vielmehr um ein Bekanntmachen mit Religion und Spiritualität sowie das Aufgreifen der Sinn- und Lebensfragen der Beschäftigten.

THEMENSPEKTRUM

Die folgenden exemplarischen inhaltlichen Impulse sollen die Breite des Themenspektrums herausstellen. Sie beziehen sich sowohl auf Mitarbeiter als auch auf Beschäftigte.

  • religiöse Symbole im Alltag wahrnehmen (z. B. Wandkreuz, religiöser Kleidungsstil, Kerze bei der Morgenbesprechung)
  • sich mit der Bedeutung religiöser Symbole bzw. Zeichen auseinandersetzen (z. B. Bedeutung des Lichts bzw. Kerzenscheins, des Wassers, des Kreuzes, der Lotosblume, des Pilgerns)
  • sich über unterschiedliche Vorstellungen von Gott austauschen (z. B. auch anhand von Bildern, Geschichten, Erfahrungen)
  • unterschiedliche religiöse Gebäude kennenlernen
    • die besondere Atmosphäre, den Hall, die Raumtemperatur wahrnehmen
    • Vibration spüren (z. B. an der Orgel, durch Lautsprecher)
    • spezifische Gegenstände erkunden (z. B. Tauf- oder Waschbecken)
    • Lieblingsort auswählen (z. B. Empore, Altarraum, Teppich)
  • verschiedene religiöse Feste kennenlernen (z. B. Ostern, Fest des Fastenbrechens, Jom Kippur)
  • sich auf Feiertage vorbereiten (z. B. Geschenke anfertigen, Räume dekorieren, anderen Beschäftigten gratulieren)
  • religiöse Aufführungen besuchen (z. B. Krippenspiel, Passionsgeschichte)
  • religiöse Themen und Geschichten bildlich mit Figuren und Gegenständen darstellen (z. B. Godly Play), Standbilder bauen oder selbst nachspielen
  • Lebensbilder von ausgewählten Personen religiöser Geschichten oder von Glaubensvorbildern erstellen (z. B. Martin von Tours)
  • Wand- und Bodenbilder zu religiösen Themen gestalten
  • Zeit und Raum zur Besinnung im Alltag lassen (z. B. Pause mit meditativer Musik, Kerze anzünden, Ruhe genießen, Atemübung machen, Natur beobachten)
  • Identitätssuche unterstützen (z. B. Interessen nachgehen können, neue Hobbys ausprobieren)
  • individuelle Stärken durch Feedback bewusst machen
  • regelmäßig Zukunftspläne besprechen (Persönliche Zukunftsplanung)
  • einfache Fragen und Bilder zum Ausgangspunkt für ein Gespräch machen über die Art und Weise, wie man leben möchte
  • verschiedene Lebenswege an Beispielen vorstellen (z. B. Personen an anderen Orten, mit anderer Arbeit)
  • sich an wichtige Stationen und Personen des eigenen Lebens erinnern Buch über mich
  • die Vielfalt der Natur erleben
    • besondere Naturereignisse wahrnehmen (z. B. einen Regenbogen, Lichtstimmungen, Wolkenformationen)
    • Tiere und Pflanzen beobachten, genießen und pflegen
  • körperliche Entspannung und Wohlbefinden wahrnehmen (z. B. Atem- und Entspannungsübungen machen)
  • Kontakt zu geliebten Personen pflegen (z. B. sich verabreden, etwas schenken)
  • Gespräche darüber führen, was einen glücklich macht, wann und wo man sich wohlfühlt und zufrieden ist
  • Wertschätzung erleben und teilen (z. B. regelmäßige Feedbackrunden durchführen, individuelle Stärken wahrnehmen können, eine Nachricht des Dankes verfassen)
  • Aktivitäten gemeinsam ausführen, die Glück und Zufriedenheit fördern können (z. B. singen, tanzen, spielen, Sport treiben, essen)
  • leidvolle Erfahrungen aufarbeiten (z. B. Erlebnisse von Gewalt, Schmerzen, Verlust)
    • Angebote des künstlerischen Gestaltens und der Musik nutzen (z. B. kunsttherapeutisches Angebot schaffen)
    • Formen des Trostes erleben (z. B. zusammensitzen, sich den Kummer anhören, ggf. stellvertretend erzählen lassen, eine Kerze anzünden)
    • Geschichten über Leid und die Überwindung von Leid multisensorisch erzählen
    • regelmäßige Gespräche mit einem Seelsorger führen (z. B. unterstützt mit Bildern, eine Vertrauensperson stellvertretend über die Erfahrungen sprechen lassen)
  • Friedhöfe als Orte der letzten Ruhestätte kennenlernen
    • das Grab einer nahestehenden Person besuchen
    • am Ewigkeitssonntag auf den Friedhof gehen
  • Angebot zur Seelsorge schaffen (z. B. professionelle Begleitung bei Krisen und im Trauerprozess ermöglichen, Erinnerungsbox anlegen)
  • Trauerfeiern gemeinsam mit einem Geistlichen bzw. Seelsorger gestalten, einen Andachtsraum oder die Kirche dafür nutzen
Icon für Literatur

Ammon, J. (1987): Religiöse Begleitung und Erziehung geistig behinderter Menschen. In: Geistige Behinderung 26 (2), S. 1–20.

Anderssohn, S. (2016): Handbuch Inklusiver Religionsunterricht. Ein didaktisches Konzept. Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht.

Anderssohn, St. (2015): Inklusiver Religionsunterricht aus der Perspektive der Sonderpädagogik. In: Riegert, J./ Musenberg, O. (Hgg.): Inklusiver Fachunterricht in der Sekundarstufe. Stuttgart: Kohlhammer, 286–297.

Bauer, D./ Ettl, C./ Mels, P./ Raff, J. (2018): Jesus hilft den Menschen. Bibel in Leichter Sprache. Stuttgart: Katholisches Bibelwerk.

Beuers, Ch./ Straub, J./ Weigel, K. (2013): Vom Rand die Mitte sehen. Kirchenraum elementar erleben von Menschen mit und ohne Behinderung: Kevelaer: Butzon & Bercker.

Bundesvereinigung Lebenshilfe (Hgg.) (2020): Ich habe viele Fragen. So glauben Menschen in verschiedenen Religionen. Marburg: Lebenshilfe-Verlag.

Lebenshilfe Bremen für Menschen mit geistiger Behinderung e. V. (Hg.)(2014): Die Oster-Geschichte in Leichter Sprache. Mit Hör-Buch und Gebärden-Video. Bremen: Lebenshilfe Bremen.

Lebenshilfe Bremen für Menschen mit geistiger Behinderung e. V. (Hg.)(2014): Die Weihnachts-Geschichte in Leichter Sprache. Bremen: Lebenshilfe Bremen.

Luchterhand, Ch./ Murphy, N. (2010): Wenn Menschen mit geistiger Behinderung trauern. Vorschläge zur Unterstützung. Weinheim: Beltz Juventa.

Müller-Friese, A./ Schweiker, W. (2019): Arbeitshilfe Religion inklusiv – Praxisband: Gott – Mensch. Grundschule und Sekundarstufe I: Stuttgart: Calwer.

Muth-Detscher, B. (Hg.) (2014): Ganz Ohr. Erzählen im Religionsunterricht. IRP-Lernimpulse für den katholischen Religionsunterricht an Förderschulen (Leben lernen – Glauben lernen – Glauben leben). Freiburg: Institut für Religionspädagogik.

Schweiker, Wolfhard (2014): Arbeitshilfe Religion inklusiv. Grundstufe und Sekundarstufe I. Praxisband: Kirche(n) – Religionen und Weltanschauungen. Stuttgart: Calwer Verlag.

Sommer, S. (2015): Katholische Religion an Stationen Kl. 9-10, Inklusion. Materialien zur Einbindung und Förderung lernschwacher Schülerinnen und Schüler. Donauwörth: Auer-Verlag.

Icon für Literatur

(weiterführende) MATERIALIEN

Abel, O. (1988)Tischabendmahl in den Himmelkroner Heimen für Geistigbehinderte. In: Zur Orientierung 12 (2), S. 24–25.Tischabendmahl in den Himmelkroner Heimen für Geistigbehinderte. In: Zur Orientierung 12 (2), S. 24–25.©
Bistum SpeyerBibel in einfacher SpracheBibel in einfacher Sprache©
Bundesvereinigung Lebenshilfe e. V.Religionen in Leichter SpracheReligionen in Leichter Sprache©
Carolsfeld, J. S. von (2013)Die Bibel in Bildern. Leipzig: Reprint-Verlag-Leipzig in Wissenschaftliche Buchgesellschaft.Die Bibel in Bildern. Leipzig: Reprint-Verlag-Leipzig in Wissenschaftliche Buchgesellschaft.©
Ev. Kirche in Hessen und NassauGlaube – leicht erklärtGlaube – leicht erklärt©
Holzbeck, Th. (1987)Gott gibt uns Licht und Waerme’. Ein Unterrichtsprojekt zur ganzheitl. religioesen Erziehung schwer geistig u. mehrfachbehinderter Schueler am Beispiel d. Schoepfungsgeschichte. In: Schönberger Hefte 17 (4), S. 22–41.Gott gibt uns Licht und Waerme’. Ein Unterrichtsprojekt zur ganzheitl. religioesen Erziehung schwer geistig u. mehrfachbehinderter Schueler am Beispiel d. Schoepfungsgeschichte. In: Schönberger Hefte 17 (4), S. 22–41.©
Klöpfer, S. (1987)Aber alle, die gläubig geworden waren, waren beieinander… Religiöse Erziehung von Schülern mit schwerer geistiger Behinderung. In: Lernen Konkret 6 (1), S. 20–21.Aber alle, die gläubig geworden waren, waren beieinander… Religiöse Erziehung von Schülern mit schwerer geistiger Behinderung. In: Lernen Konkret 6 (1), S. 20–21.©
Longhorn, F. (1993)Religious Education for very special ChildrenReligious Education for very special Children©
Planet WissenReligionReligion©
Rustemeier, Ch. (2015)Religionsunterricht erfahrungsorientiert gestalten. Praktische Unterrichtsbeispiele für die Förderschule (Kl. 5-9): Hamburg: Persen.Religionsunterricht erfahrungsorientiert gestalten. Praktische Unterrichtsbeispiele für die Förderschule (Kl. 5-9): Hamburg: Persen.©
Schönherr, P. (1989)Gottesdienst für schwerst behinderte Menschen. In: Zur Orientierung 12 (3), S. 22–23.Gottesdienst für schwerst behinderte Menschen. In: Zur Orientierung 12 (3), S. 22–23.©
Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (Hg.) (2018Unterricht und Förderung von Schülern mit schwerer und mehrfacher Behinderung. Mit einer CD-ROM mit 54 Unterrichtseinheiten und Praxisprojekten. München: Reinhardt-VerlagUnterricht und Förderung von Schülern mit schwerer und mehrfacher Behinderung. Mit einer CD-ROM mit 54 Unterrichtseinheiten und Praxisprojekten. München: Reinhardt-Verlag©
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