Papier bedrucken

KONKRETISIERUNG  ·  Papier bedrucken

 

SACHASPEKTE UND POTENZIAL

Papier ist ein leicht veränderlicher, allgegenwärtiger und preiswerter Werkstoff, der vielfältige Möglichkeiten zum bildnerischen und plastischen Gestalten bietet.

In Einrichtungen für Menschen mit schwerer Behinderung ist Papier aufgrund seiner Eigenschaften und vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten sehr präsent.

Für das manuelle Bedrucken von Papier können als Drucktechniken z. B. Stempeldruck, Monotypien oder Siebdruckverfahren genutzt werden.

Das Bedrucken von Papier eröffnet vielfältige Möglichkeiten für aktive Prozesse sowie die rezeptive und reflexive Auseinandersetzung mit künstlerisch-ästhetischer Praxis:

Aktive Prozesse

  • Papiervielfalt und unterschiedliche Oberflächenstrukturen/-gestaltungen kennenlernen (z.B. elementare Erfahrungen mit Papier, Farben und Druckgegenständen machen, Möglichkeiten und Grenzen der Verwendbarkeit von Papier durch Erprobung kennenlernen)
  • mit Farben umgehen: (Grund-)Farben und Farbtöne unterscheiden
  • Farben mischen
  • Vorlieben für bestimmte Farben entwickeln
  • Farbauswahl treffen
  • Muster drucken nach individueller Vorlage oder orientiert an bekannten Kunstwerken und Designs (z.B. Druckgrafiken von Andy Warhol, Henri Matisse)
  • eigene Druckmuster entwickeln und umsetzen
  • Schablonen nutzen
  • unterschiedliche Drucktechniken kennenlernen und nutzen, Druckfertigkeiten (weiter) entwickeln
  • kreativer Umgang mit verschiedenen Stempeln und Materialien
  • eine individuelle bildnerische Ausdrucksweise entwickeln

Rezeptive Prozesse

  • Gestaltetes und Geformtes im persönlichen Umfeld wahrnehmen (z. B. Farben und Formen von Alltagsgegenständen)
  • sinnliche Grunderfahrungen mit Gestaltungsmitteln zulassen und sammeln (z. B. Quaste und Pinsel spüren, Farben auf die Hand auftragen, Stempeldruck erleben)
  • unterschiedliche Farben und Farbstimmungen wahrnehmen
  • räumliche Wirkungen kennenlernen (z. B. Perspektive, Kontraste, Schattenwirkung)
  • Veränderungsprozess von Materialien beim künstlerischen Gestalten wahrnehmen
  • Druckgrafiken bekannter Künstler kennenlernen

Reflexive Prozesse

  • Freude am künstlerischen Gestalten entwickeln
  • Farb-, Form- und Raumwirkungen beim kreativen Umgang mit Materialien und Gestaltungstechniken wahrnehmen und bewusst einsetzen
  • zwischen verschiedenen Gestaltungstechniken wählen oder sie miteinander verbinden (z.B. Fadengrafiken – Kombination aus Drucken und Malen)
  • Farb- und Mustergestaltung aufeinander abstimmen
  • gestalterische Arbeiten während des Entstehungsprozesses und als fertige Arbeiten gemeinsam betrachten und beurteilen
  • Werke für eine Ausstellung auswählen und präsentieren (rahmen, aufhängen, ausstellen)

IMPULSFRAGEN

Gibt es einen besonderen Anlass, warum Papier bedruckt wird?

Welche Bedeutung kann das Gestalten von Papier konkret für den einzelnen Beschäftigten haben?

Welchen Schwerpunkt soll das Angebot haben (den künstlerischen Ausdruck entwickeln, Drucktechniken ausprobieren und verbessern, sich mit einem bestimmten Thema auseinandersetzen)?

Beinhaltet das Angebot aktive und rezeptive Formen der kreativen Auseinandersetzung?

Gibt es Alternativen, wenn das Thema und die gewählte Gestaltungstechnik nicht von Interesse sind?

Wie können die verschiedenen gestalterischen Arbeiten wahrgenommen werden?

Gibt es einen Ort in der Einrichtung oder im Umfeld, an dem die Arbeitsergebnisse präsentiert und auch für andere Besucher_innen zugänlich gemacht werden können?

DIFFERENZIERUNG
  • das bewusste Wahrnehmen der eigenen Kraft beim Aufdrücken anregen, Druckstärke variieren
  • Hypersensibilität berücksichtigen (Drucken kann als Gestaltungstechnik günstig sein, da kein direkter Farbkontakt notwendig ist)
  • Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Papier- und Pappsorten sowie Werkzeugen anregen (verschiedene Oberflächenstrukturen und Konsistenzen kennenlernen, dabei mit deutlichen Unterschieden beginnen, diffuse Eindrücke vermeiden)
  • mit Handführung über die verschiedenen Materialien streichen, dabei Druck variieren, um Sensibilität und Erkundungswahrnehmung zu erweitern
  • ggf. Materialgrenzen testen (Reißfestigkeit, Verformungsmöglichkeiten)

Blickkontakt/-fokussierung:

  • auf Blickkontakt und -fokussierung bewusst eingehen
  • neue Motive, Farben und gestalterische Arbeiten ins Blickfeld rücken
  • auf die eigenen Spuren und Stempelversuche hinweisen (zeigen und (non)verbal kommentieren)
  • Markierungen auf dem Papier als Hilfen beim Drucken nutzen
  • Lage der Arbeitsfläche variieren (z. B. Schrägstellung des Tisches, Arbeit an der Staffelei, Arbeitspodest)

Sehbeeinträchtigung, Farbfehlsichtigkeit und Farbblindheit:

  • großflächiges Arbeiten, große Stempelmotive nutzen
  • klare, farblich abgesetzte Umgrenzungen
  • leuchtende, kontrastreiche Farben nutzen, Glitzereffekte einbeziehen
  • verschiedene Hell-Dunkel-Kontraste einsetzen
  • Blendung vermeiden
HANDLUNGSLEITENDE PRINZIPIEN
  • veränderte Rolle der Mitarbeiter_innen beim künstlerischen Gestalten beachten

Hinweise zur Assistenzrolle:

    • die Impulse der Beschäftigten aufgreifen
    • Gestaltungsprozess ergebnisoffen planen
    • individuelle Ausdrucksmöglichkeiten aufgreifen
    • eine wahrgenommene gestalterische Entscheidung sprachlich rückmelden („Ich habe den Eindruck, Sie möchten mit Blau weitermalen.“)
    • Handführung, Nutzung von Hilfsmitteln und Vorgaben beim künstlerischen Gestalten regelmäßig reflektieren
    • Assistenz der Beschäftigten im Team besprechen und einteilen (eine kontinuierliche Zusammenarbeit ist wünschenswert, um das künstlerische Gestalten als Entwicklungsprozess besser begleiten zu können)
  • zeitliche Variabilität des Angebots ermöglichen (z. B. Angebot zum künstlerischen Gestalten über mehrere Tage oder Wochen durchführen), um individuelle Interessen sowie ein unterschiedliches Arbeitstempo berücksichtigen zu können
  • Handlungen der Beschäftigten aufgreifen (z. B. das eigenständige oder stereotype Hantieren mit Papier, interessiertes Ausprobieren des Druckens) und als Ausdrucksformen verstehen
  • eine oder mehrere gestalterische Arbeiten anfertigen
  • ggf. Alternativen zum Stempeldruck bzw. zum künstlerischen Gestalten insgesamt anbieten
  • Mitbestimmung ermöglichen hinsichtlich der Wahl des Themas, des Materials und der Gestaltungstechnik
  • Arbeitsplatz gemeinsam mit Beschäftigten einrichten (Bild- und Symbolkarten als Unterstützung nutzen)
  • gemeinsame Gestaltung einer Ausstellung (z. B. die Hängung der Bilder gemeinsam entscheiden)
  • biografische Ausgangslage berücksichtigen (z. B. in welcher Lebenssituation befindet sich die Person aktuell) und lebensweltbezogene Themen anbieten
  • Akzeptanz von Unterbrechungen bzw. Abbruch der gestalterischen Arbeit
  • eigene Gestaltungsimpulse zurückhalten und die Assistenzrolle einnehmen
  • die Möglichkeit eröffnen, neue, auch abwegige Formen des künstlerischen Gestaltens umzusetzen (z. B. verschiedene Gegenstände als Stempel ausprobieren)
  • Arbeitsplatz vorbereiten und aufräumen nach der Fertigstellung
  • Orientierung geben über den Ablauf des geplanten Angebots mit Bild-, Symbolkarten oder Gegenständen (z. B. Stempel, Pinsel)
  • Themeneinstieg evtl. nicht in der gesamten Gruppe, sondern im Dialog oder in Kleingruppen zu dritt oder zu viert gestalten, um eine höhere Aufmerksamkeit zu erzielen, auch nonverbal kommunizierende Beschäftigte bewusst beim Einstieg mit einbeziehen
  • handlungsbegleitendes Sprechen: gestalterisches Arbeiten, Farbwahl, Druckvorgang verbalisieren bzw. in Gebärden umsetzen
  • soziale Beziehungsgestaltung während des Angebots unterstützen (z. B. Tausch von Arbeitsmaterialien, gegenseitiges Kommentieren der Arbeiten)
  • die Aufmerksamkeit von einzelnen Beschäftigten auf das Gruppengeschehen bzw. auf die einzelnen Aspekte des künstlerischen Gestaltens lenken (z. B. Farben, Stempelformen oder Papier)
  • zum Abschluss des Angebots eine gemeinsame Betrachtung und Würdigung der verschiedenen Arbeiten anregen (im Dialog oder in kleinen Gruppen), dabei Symbole und Bilder einbeziehen, die die Bewertung und Wertschätzung der fertigen Arbeiten unterstützen
  • Atelieratmosphäre herstellen (kreativ-anregende Umgebung, Materialvielfalt, ausreichend Raum zum gestalterischen Arbeiten)
  • Prozess- statt Produktorientierung berücksichtigen: Zeit geben zum Hantieren und Ausprobieren, Variationen beim Druckvorgang anregen und unterstützen (z. B. verschiedene Stempel nutzen, unterschiedliches Papier bedrucken)
  • Bewegungspausen und Veränderungen der Sitzposition und Lagerung unterstützen (z. B. nicht den gesamten Vormittag an einem Platz verbringen)
  • (individuelle) Pausen beim künstlerischen Gestalten ermöglichen und ggf. begleiten
  • einen Schwerpunkt des künstlerischen Gestaltens zusammen mit den Beschäftigten wählen (z. B. gestalterische Arbeiten zu individuellen Themen, Ausprobieren verschiedener Gestaltungstechniken)
  • Handlungsorientierung ermöglichen durch
    • das Präsentieren von Beispielarbeiten (Vorlagen und exemplarische Arbeiten einbeziehen)
    • die Visualisierung der Abfolge der Handlungen beim Drucken mit Bildkarten oder durch Tutorials (Stempel aussuchen Stempel in das Stempelkissen drücken das Papier bedrucken)
  • beim Anwenden der Gestaltungstechnik
    • Sicherheit geben und den Aufbau von Routinen ermöglichen, aber auch Momente der Irritation schaffen (Farb-, Stempel- und Materialwahl variieren)
    • sprachlich rückmelden und zeigen, was gestaltet wurde bzw. was sich auf dem Papier verändert hat
  • Würdigung der fertigen Arbeiten
THEMENBEZOGENES WORTFELD
  • das Papier
  • der Stempel
  • das Stempelkissen
  • der Pinsel
  • das Muster
  • das Motiv
  • der Bilderrahmen
  • die Ausstellung
  • stempeln
  • drucken
  • fest aufdrücken
  • auswählen
  • aufhängen
  • ausstellen
  • anschauen
  • Farbadjektive (rot, gelb, grün, bunt, …)
  • dunkel
  • hell
  • schön
  • hässlich
  • noch einmal, mehr, etwas anderes
  • Ich brauche …
  • Das gefällt mir (nicht).
  • Ich brauche Hilfe. Ich mache das allein.
  • Ich bin fertig.
  • Welche Farbe / Welchen Stempel möchten Sie nehmen?
  • Gefällt Ihnen das so? Wie gefällt Ihnen …? Welches Bild gefällt Ihnen am besten?
  • Was genau gefällt Ihnen?
  • Welches Bild möchten Sie aufhängen?
BEISPIELPLANUNG

Ausschlaggebend für die Themenwahl im vorgestellten Angebot waren mehrere Faktoren:

  • Alle Beschäftigten nehmen regen Anteil an der Kaffeepause.
  • Über der Küchenzeile soll die Wandgestaltung erneuert werden.
  • Die Beschäftigten arbeiten gern mit Papier.
  • Das Drucken (mit Unterstützung) bzw. das Hantieren mit Papier bietet Möglichkeiten zur aktiven Beteiligung von allen Beschäftigten.

Es wird eine vielfältige Auseinandersetzung mit dem Thema „Kaffeepause“ angeregt. Die Kaffeemühle steht zum Ausprobieren auf dem Tisch, der gemahlene Kaffee kann probiert werden und regt die Sinne an. Aus einer Vielzahl an Kaffeetassen kann diejenige ausgewählt werden, die einem besonders gefällt.

Nach dieser multimedialen Einführung in das Thema wird zu unterschiedlichen Abbildungen (Schwarz-Weiß-Kopien) von Kaffeetassen übergeleitet. Es werden verschiedene Möglichkeiten der künstlerischen Bearbeitung der Kopien aufgezeigt: Die Abbildungen der Kaffeetassen können bedruckt, ausgemalt, als Grundlage für eine Collage o. Ä. genutzt werden. Auch kann ganz ohne Vorlage gearbeitet werden und z. B. eine Kaffeetasse abgezeichnet oder eigene Trinkgefäße gestaltet werden.

Als Abschluss des Einstiegs und Überleitung zur Durchführung wird am Aktivitätsplan mit Bildern noch einmal das Thema des Angebots sowie die zentrale Gestaltungstechnik verdeutlicht: Kaffeepause und Drucken.

Die Beschäftigten bereiten ihren Platz zum künstlerischen Gestalten (ggf. mit Unterstützung) vor. Auf dem zentralen Arbeitstisch stehen Materialien und Werkzeuge zum Drucken und zu weiteren Techniken des bildnerischen Gestaltens bereit (z. B. diverse Motivstempel und Druckmaterialien, verschiedene Stempelfarben, Stifte, Schere, Kleber).

Es können verschiedene Gestaltungs- und Drucktechniken ausprobiert werden. Nach dieser Explorationsphase entscheiden sich die Beschäftigten für eine Gestaltungstechnik und eine Kopie der Kaffeetasse, die sie künstlerisch bearbeiten wollen. Auch wenn das Bedrucken von Papier im Mittelpunkt des Angebots steht, kann auch auf bekannte Gestaltungstechniken zurückgegriffen werden: (aus)malen, (ab)zeichnen, collagieren. Bei der Durchführung des Angebots werden bewusste Akzente kultureller Bildung gesetzt (z. B. unterschiedliche Farben wahrnehmen, Muster gestalten oder Gestaltungstechniken einüben).

Wer keine Lust zur aktiven künstlerischen Gestaltung hat oder seine gestalterische Arbeit unterbricht bzw. fertig ist, hat die Möglichkeit, sich mit dem Thema „Kaffee“ weiter auseinanderzusetzen: Auf dem Tablet können eine kleine Foto-Show und kurze Filme zur Kaffeeproduktion geschaut werden oder es kann weiter Kaffee gemahlen werden.

Außerdem besteht die Möglichkeit zu weiteren Materialerfahrungen mit unterschiedlichen Papiersorten. Das Reißen, Schneiden, Knüllen des Papiers kann dabei die Vorbereitung für weitere Collagen sein.

Zwischenergebnisse und verschiedene Probearbeiten werden an der Staffelei präsentiert, damit alle Beschäftigten diese wahrnehmen können. Das Beenden des gestalterischen Arbeitens ist von Person zu Person unterschiedlich. Daher werden gemeinsame Zeiten zur Betrachtung der Arbeiten während der Durchführung des Angebots fest eingeplant (Zäsuren setzen).

Die fertigen Arbeiten auf dem Tisch oder an der Staffelei bilden die Grundlage für individuelle Gespräche über die Gestaltung, den Stempeldruck, die gewählten Motive und die Farbwahl. Das bewusste Wahrnehmen der eigenen Arbeit und der Arbeiten anderer Beschäftigter wird dabei angeregt.

Eine willkommene Unterbrechung bzw. ein vorläufiger Abschluss des Angebots bildet die Kaffeepause. So kommt gleich der frisch gemahlene Kaffee zum Einsatz.

Wenn alle Arbeiten vorliegen, wird gemeinsam mit den Beschäftigten aus den vielfältig gestalteten Kaffeetassen-Bildern eine Auswahl für das Wandbild getroffen. Die gestalterischen Arbeiten werden durch diese Präsentation in der Gruppe und auch über die Gruppe hinaus zur Wirkung gebracht.