Kuchenhaus gestalten

KONKRETISIERUNG  ·  ‚Kuchenhaus‘ gestalten *

Catherine Girke – GIB e.V.


Sachaspekte & Potenzial

Von Angeboten künstlerischen Gestaltens wird erwartet, dass sie zur Interaktion mit Materialien und Personen während des Schöpfungsprozesses einladen, wobei persönlichkeitsbildende Aspekte sowie der Prozess der Herstellung und nicht das fertige Produkt im Vordergrund stehen. Ein Angebot zur Schöpfung und Gestaltung von Gebäuden aus Kuchenteig kann deshalb eine Beschäftigung mit der persönlichen Umwelt mit dem Fokus auf eine reflektierte Gestaltgebung derselben sein. Das hier beschriebene Angebot ist auf Persönlichkeitsentfaltung, vielfältige Selbst- und Welterkundung und das Erleben von sozialen Beziehungen orientiert.

Der Umgang mit Kuchenteig, Glasuren und Kuchendekor stellt eine unmittelbar erlebbare Tätigkeit dar und ermöglicht basale Erfahrungen durch die Wahrnehmung visueller, haptischer, olfaktorischer, gustatorischer und auditiver Reize. Der Umgang mit Kuchenteig und Zuckerglasuren, also Lebensmitteln bietet als Beschäftigung mit Alltagsmaterialien vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten. Der Prozess beinhaltet neben Bildungsaspekten haptische Erfahrungen sowie feinmotorische Herausforderungen. Analog der Gestaltung eines Pfefferkuchenhauses in der Adventszeit können das ganze Jahr über Anlässe geschaffen werden, um verschiedene Bauwerke zu gestalten. So kann für ein Standortfest das eigene Wohnhaus, der eigene Beschäftigungsbereich nachgebaut werden. Ebenso kann ein Schloss/ eine Burg, bekannt aus einem Urlaub für das zu gestaltende Gebäude Anregung sein, oder aber bekannte öffentliche Gebäude oder Anregungen aus der Literatur.

Unter Berücksichtigung der Wechselbeziehung von kulturellen und Bildungsangeboten können in der Umsetzung des konkreten Angebotes in Abhängigkeit von den Interessen und den motorischen und kognitiven Möglichkeiten der Beschäftigten verschiedene Schwerpunkte gelegt werden: So können zur Planung sowohl Ausflüge zur Besichtigung von infrage kommenden Gebäuden unternommen, als auch Filme oder Bücher angeschaut werden. Bei der Planung, welches Gebäude aus Teig gebaut werden soll, wird eine Auseinandersetzung mit der konkreten Wohn- und Arbeitsumwelt bzw. eine Beschäftigung mit (bekannten) Bauwerken angestoßen. Hier kommt es zum bewussteren Anschauen der Struktur von Gebäuden, wie sie aufgebaut sind und somit zur Anregung räumlicher Vorstellung.

Ein weiterer Schwerpunkt kann auf haptischem Erleben liegen und die Auswahl des Teigs mit einerseits Einkauf der Zutaten und andererseits Kneten des Teiges, Verkosten und Backen der Teigplatten beinhalten.

Der im klassischen Sinne gestaltende Teil des Angebotes ist die konkrete Gestaltung des Bauwerkes aus Teigplatten, das mit Guss verklebt und mit Schmuckelementen gestaltet wird.

Das Angebot eröffnet vielfältige Möglichkeiten zur Umsetzung aktiver Prozesse sowie zur rezeptiven und reflexiven Auseinandersetzung mit den verschiedenen Gestaltungsmöglichkeiten.


Aktive Prozesse:
  • Auswahl der zu bauenden Gebäude
  • Teig kneten/ Glasur anrühren/ Teigplatten „verleimen“
  • Auswahl einzelner Materialien treffen
  • kreativer Umgang mit verschiedenen Gestaltungsmöglichkeiten (z.B. Zuckerguss, Backdekor, Werkzeuge zum Prägen)
Rezeptive Prozesse:
  • Häuser/ Gebäude im persönlichen Umfeld/ in Büchern o.ä. wahrnehmen
  • Räumliche Vorstellungen kennenlernen. Wie müssen Platten zusammengesetzt werden, damit Körper entstehen
  • Teig und Dekor verkosten
Reflexive Prozesse:
  • Freude am Gestalten entwickeln
  • Gestalterische Arbeit in Planung, Entstehungsprozess und nach Fertigstellung gemeinsam betrachten und sich darüber austauschen
  • Werke präsentieren (z.B. auf dem Buffet für ein Fest)

Entstehende Ergebnisse können sofort wahrgenommen werden. Durch in sich abgeschlossene Gestaltungsschritte kann die zeitliche Länge des Angebotes an die Aufmerksamkeitsspanne der beteiligten Beschäftigten angepasst werden.

Die Einhaltung von Hygienestandards beim Umgang mit Lebensmitteln ist unabdingbar, wenn das Kunstwerk später mit anderen Personen geteilt werden soll.

IMPULSFRAGEN
  • Welcher konkrete Anlass bietet sich zur Herstellung von Teiggebäuden an?
  • Welche Interessen sind bekannt und können in diesem Angebot aufgegriffen werden?
  • Welcher Raum und welche Zeit(dauer) ist für die Umsetzung des Angebots geplant?
  • Welchen Schwerpunkt soll das Angebot haben (künstlerischen Ausdruck entwickeln, verschiedene Materialien und Techniken ausprobieren, technisches Verständnis entwickeln)?
  • Wie können die jeweiligen Beschäftigten in die einzelnen Handlungsschritte eingebunden werden?
  • Sind alle zum Gestalten nötigen Materialien und Werkzeuge besorgt und griffbereit?
DIFFERENZIERUNG
  • Bei Auswahl der Gebäude Ortsbegehung und damit bewussteres Wahrnehmen des eigenen Körpers im Verhältnis zum Bauwerk ermöglichen
  • Bei Hyposensitivität durch Teigkneten Körperwahrnehmung anregen
  • Verschiedene Oberflächen und Strukturen (Teig, Dekore) erfühlen
  • Hand in Teigschüssel führen und zum Kneten anregen
  • Mit Handführung über verschiedene Materialien/ Werkzeuge streichen
  • Auf eigene Gestaltungsversuche hinweisen (zeigen)
  • Verschiedene Dekore ins Blickfeld rücken
  • Schablonen, Entwürfe oder Vorlagen auf Papier als Hilfen nutzen
  • Gesten und Gebärden verwenden (z.B. um zu zeigen, wo Werkzeuge und Materialien sind)
  • Handlungsabläufe verbal anleiten, handlungsbegleitendes Sprechen einsetzen
  • Bei Hörbeeinträchtigung Handlungsabläufe und Teilschritte visualisieren: Schritte vormachen, Gebärden und Gesten verwenden, Arbeitsablauf mit Bildkarten darstellen
  • Gustatorische und olfaktorische Wahrnehmung durch Kosten und Riechen von Teig und Dekoren anregen und ermöglichen

HANDLUNGSLEITENDE PRINZIPIEN
  • Mitbestimmung bei Planungs- Entscheidungsprozessen umsetzen
  • Verschiedene Materialien zur Dekoration anbieten und zur Auswahl/ zum Ausprobieren ermuntern
  • Initiativen und Vorschläge zur konkreten Gestaltung aufgreifen und Möglichkeiten zur Umsetzung eigener Ideen aufzeigen
  • Gestaltungsprozess ergebnisoffen planen
  • Angebot über eine längere Zeit immer wieder anbieten, um individuelle Interessen und Arbeitstempi berücksichtigen zu können
  • Altersgemäße Ansprache
  • Ideen zur altersgemäßen Bearbeitung einbringen (z.B. eigene WG nachgestalten oder bekannte öffentliche Gebäude)
  • Eigene Gestaltungsimpulse zurückhalten, Assistentenrolle einnehmen
  • Akzeptanz von Unterbrechungen
  • Orientierung über den Ablauf des geplanten Angebots geben durch Erklärungen, Visualisierungen, Beispielbilder
  • Handlungsbegleitendes Sprechen
  • Soziale Beziehungsgestaltung anregen (z.B. bei Entscheidungsfindung oder Austausch von Dekor und Werkzeugen)
  • Aufmerksamkeit der Beschäftigten auf Aspekte des gestalterischen Arbeitens legen
  • Betrachtung und Würdigung der erreichten Arbeiten anregen
  • Assistentenrolle einnehmen, Beschäftigte zu eigenen Gestaltungsentscheidungen ermutigen und bei deren Umsetzung unterstützen
  • Beobachtung von Aufmerksamkeit und Wohlbefinden, bei beobachtetem Bedarf Veränderungen anbieten
  • Zusätzliche individuelle Pausen oder umfangreichere Beschäftigung anbieten
  • Gemeinsame Vorbereitung des Angebots
  • Selbstwirksamkeitserfahrungen durch Umsetzung eigener Ideen ermöglichen Bestärkung bei konkreter Durchführung, im Nachgang Reflexion anregen, Würdigung des Erreichten
  • Tatsächlich geleistete Hilfestellung immer wieder hinterfragen und z.B. reduzieren, wenn sie nicht mehr in vollem Umfang notwendig ist
THEMENBEZOGENES WORTFELD
  • der Backofen
  • das Blech
  • die Farbe
  • die Glasur
  • das Haus
  • das Muster
  • der Pinsel
  • der Streudekor
  • die Streusel
  • der Teig
  • die Vorlage
  • der Zuckerguss
  • anordnen
  • anrühren
  • aufstellen
  • backen
  • bestreichen
  • festhalten
  • festkleben
  • kneten
  • schneiden
  • streuen
  • trocknen
  • warten
  • zusammensetzen
  • bunt
  • Farbadjektive
  • heiß
  • kalt
  • knusprig
  • schön
  • Das gefällt mir (nicht)
  • Ich brauche …
  • Ich brauche Hilfe.
  • Ich mache das allein.
  • Wir können … probieren
BEISPIELPLANUNG

Ausschlaggebend für die Durchführung des Angebotes sind einerseits ein Interesse am Gestalten von Flächen und andererseits für Backen/ Backwaren. Von der planenden und begleitenden Betreuungsperson werden gutes Vorstellungsvermögen und sehr gut ausgebildetes räumliches Denken erwartet.

Sinnvoll ist es, im Vorfeld bei den später beteiligten Beschäftigten zu erfragen, welche Gebäude sie kennen oder wofür sie spezielle Interessen entwickelt haben. Das können ebenso ägyptische oder auch Maya-Pyramiden sein wie Wahrzeichen des Wohnortes oder von Urlaubsreisen. Auch andere Gebäude, die vielleicht aus der Biografie (positiv) besetzt sind, kommen infrage. Von diesen Gebäuden sind Abbildungen vorzubereiten.

Außerdem sollte im Vorfeld geklärt werden, welche Phasen des Angebotes in welchen Räumen und zu welchen Zeiten angeboten werden können, und zum richtigen Zeitpunkt sind alle zur Umsetzung benötigten Werkzeuge und Materialien bereitzustellen.

Zu klären gilt auch, wofür die Kuchenbauwerke geschaffen werden sollen; das können z.B. Feste sein. Hiervon hängt der Zeitpunkt der Fertigstellung ab, da Kuchengebilde nur eine begrenzte Haltbarkeit haben.

Um das Interesse der Beschäftigten zu wecken, kann als Einstieg ein ansprechend dekorierter Kuchen oder ein Bespielhaus dienen, dass gemeinsam verspeist werden kann. Auch die Erinnerung an bereits in der Adventszeit gestaltete Lebkuchenhäuser kann aufgefrischt werden durch gemeinsames Anschauen von Fotos derselben.

Anschließend können gemeinsam interessante Gebäude benannt werden; nach vorheriger Recherche durch die Betreuungsperson kann diese möglicherweise auch Abbildungen der genannten Gebäude vorweisen, so dass alle Beteiligten eine Vorstellung davon entwickeln können. Die Betreuungsperson kann Abbildungen auch nutzen, um Ideen bei den Beschäftigten anzuregen.

Werden erreichbare Gebäude benannt, können diese bei einer Ortsbegehung direkt angeschaut werden. Zum Beispiel kann die Gruppe das Gebäude des Arbeits- und Beschäftigungsortes gemeinsam anschauen und umrunden. Für andere Gebäude ist es möglicherweise nötig, einen Ausflug zu planen.

Sind einige Gebäude im Gespräch, muss eine Auswahl getroffen werden, welches Haus nachgestaltet werden soll.

Die konkrete Durchführung dieses Angebotes gliedert sich in vier Phasen, die mit zeitlichem Abstand nacheinander durchlaufen werden. Je nach Interessen und Möglichkeiten der einzelnen Beschäftigten ist es auch möglich, nur an einzelnen Phasen teilzunehmen. So kann in individuellen auf die Einzelpersonen abgestimmten Beschäftigungen in Kleingruppen oder Einzelarbeitsphasen ein Gemeinschaftswerk entstehen.

  1. Die Planungsphase beginnt direkt im Anschluss an den Einstieg in der Gruppe. Hier geht es darum, sich auf ein Gebäude zu einigen, das in Teig nachgebaut werden soll. Um konkrete Vorstellungen zu erlangen, kann dazu ein Ausflug zu einem in Frage kommenden Gebäude sinnvoll sein. Auch das Anschauen verschiedener Abbildungen kann hilfreich zur Entscheidungsfindung sein.

Um Anregungen zu geben, kann die Betreuungsperson auch zwei (umsetzbare) Gebäude vorschlagen. Am Ende der Planungsphase sollte die Entscheidung für ein Haus getroffen werden.

  1. In der zweiten Phase geht es darum, gemeinsam die Teigzutaten einzukaufen, den Teig herzustellen (auswiegen, kneten) und zu backen. Im Vorfeld sollte ein geeigneter Teig (passend zum Gebäude und zum Anlass, zu dem es geschaffen wird) ausgewählt worden sein.
  2. Im dritten Schritt geht es um den Zusammenbau des Gebäudes. Hierfür müssen die gebackenen Teigplatten nach vorbereiteten Schablonen (z.B. aus Pappe) zugeschnitten werden. Im Anschluss werden sie entsprechend der Planung auf einer Grundplatte aufgestellt und mit Guss (vorzugsweise Eiweißglasur) verklebt. Dazu eignen sich Kuchenspritze oder Pinsel. Nach dieser Phase ist eine Trocknungsphase einzuplanen, bevor weitergearbeitet werden kann.
  3. Die vierte Phase widmet sich der Dekoration des entstandenen Rohbaus. Hier empfiehlt es sich, alle benötigten Werkzeuge und Materialien bereitzuhalten. Dazu gehören vorbereitete Glasuren in verschiedenen Farben, die in Schälchen oder in Nadelflaschen bereitgestellt werden. Auch sollten verschiedene ansprechende Backdekore besorgt worden sein, die griffbereit (in Schälchen) bereitstehen. Mit Pinsel oder Holzstäbchen können dann Muster auf das Kuchengebäude aufgetragen werden und mit Dekoren geschmückt werden.

Den Abschluss des Angebotes bildet ein gemeinsames Betrachten und Würdigen des jeweils Erreichten. Empfehlenswert ist es, auch im Prozess mindestens am Ende jeder der beschriebenen Phasen gemeinsam die erledigten Tätigkeiten zu reflektieren, also ins Gespräch zu gehen über die Prozesse und getroffenen Entscheidungen (z.B. Farben, Formen, Dekore). Es folgt das gemeinsame Aufräumen des Arbeitsplatzes.

Nach dem Trocknen ist eine Präsentation in der Gruppe und darüber hinaus sinnvoll. Das fertige Kunstwerk wird entsprechend der Planung für den Anlass angerichtet oder in einem großen Fest miteinander aufgegessen.

Literatur:

Weingärtner, Christian. (2013): Schwer geistig behindert und selbstbestimmt. Eine Orientierung für die Praxis, 3. Auflage, Freiburg im Breisgau: Lambertus-Verlag.

Kreider-Stempfle, Ruth, Frensemeier, Bettina (2010): Das große Buch vom Backen & Bauen: Die Backwerkstatt für Kinder, 2. Auflage, Hildesheim: Gerstenberg Verlag

Quellen:

https://qualitaetsoffensive-teilhabe.de/orientierungsplan/kuenstlerisches-gestalten/ (abgerufen am 09.05.2022)

https://qualitaetsoffensive-teilhabe.de/theor_grundlagen/teilhabe-an-kultur/ (abgerufen am 09.05.2022)

Elisabeth Braun (2013/2012): Kulturelle Bildung für Menschen mit Behinderung. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE: https://www.kubi-online.de/artikel/kulturelle-bildung-menschen-behinderung (abgerufen 09.05.2022)

https://kochenkinderleicht.com/dekorierte-plaetzchen-wie-vom-profi/ (abgerufen am 10.05.2022)

https://www.leckerschmecker.me/plaetzchen-verzieren/ (abgerufen am 10.05.2022)


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Die Konkretsierung ist im Rahmen der Multiplikator*innenqualifikation entstanden.