Positionierung

Positionierung

Positionierung bei Menschen mit komplexer Behinderung

körperliche
Probleme

 

Menschen mit komplexer Behinderung haben oft wenige Möglichkeiten ihre Position eigenaktiv zu verändern. Aufgrund von Cerebralparesen, verbunden mit Spastizität und asymmetrisch wirkender Muskulatur, sind sie außerdem von verschiedenen orthopädischen Komplikationen (Skoliosen, Kontrakturen, Luxation) betroffen, die für sich schon zu Schmerzen  führen können und besondere Herausforderungen an Lagerung und Positionierung stellen .

Grundsätzlich gilt für Menschen, die wenig eigene Bewegungsmöglichkeiten haben, dass ihre Position so oft wie möglich im Tagesverlauf, und hier immer angepasst an die jeweilige Aktivität, verändert wird. Dies unterstützt einerseits alle physiologischen Funktionen und vermindert andererseits die Entstehung von Druckstellen.

Positionierung am Lebensende

Schmerzarme
Positionierung

 

Wenn bei Menschen mit komplexer Behinderung schwere Erkrankungen hinzu kommen bzw. Menschen sich in palliativen Situationen befinden, wird eine bequeme und schmerzarme Lagerung noch wichtiger. Positionsveränderungen können zunehmend anstrengender und schmerzhafter für die Personen werden. Deshalb müssen diese sehr schonend und evtl. unter probatorischer Gabe (unter der Annahme, dass Schmerzen beim Lagewechsel auftreten) von Schmerzmitteln erfolgen. Am Lebensende sollten keine großen Lagewechsel mehr durchgeführt werden. Durch kleine Veränderungen in der Positionierung, sog. Mikrolagerungen, z.B. durch kleine Kissen oder Decken, die untergelegt werden, können einseitige Belastungen und das Entstehen von Druckstellen vermieden werden.

Lagerung in
Neutralstellung

Für Menschen mit schwerer Cerebralparese, die sich in einer palliativen Situation befinden, kann das LiN-Konzept, die sog. Lagerung in Neutralstellung (LiN) hilfreich sein, da es eine den Muskeltonus reduzierende und schmerzarme sowie eine angenehme Lagerung ermöglichen hilft [1].

Der Begriff Neutralstellung  leitet sich von der Grundidee des Konzeptes ab, die Körperabschnitte möglichst in einer Position zwischen Beugen und Strecken, Abspreizen und Kreuzen, Innen- und Außenrotation, d.h. in Neutralstellung zu positionieren [2]. Dazu werden die Körperabschnitte mit Lagerungsmaterialien wie zum Beispiel Stepp- oder Wolldecken, Handtücher und Kissen durch modellieren und unterstopfen stabilisiert. Alle bekannten Positionen können mittels LiN-Kriterien  modifiziert werden [3].

Wichtige Kriterien der LiN-Lagerung sind:

  • Es werden Überdehnung und Verkürzung von Muskeln vermieden, die Gelenke sind in einer möglichst „neutralen“ Stellung.
  • Paretische und spastische Körperabschnitte werden mit ausreichend Lagerungsmaterial stabilisiert. Hohlräume werden vermieden und damit eine gleichmäßige Druckverteilung hergestellt.
  • Die Körperachsen (Längsachse und Querachsen im Schulter- und Beckenbereich) sind möglichst symmetrisch.

Hierbei sind die Körperkonstitution, die Position und die eventuell bestehenden Kontrakturen begrenzende Faktoren.

Nestlagerung

 

Unbenanntes Projekt

Nestlagerung  [5]

Eine weitere bequeme und angenehme Positionierung kann die Nestlagerung sein. Durch das Umlagern der Körpergrenzen mit Lagerungsmaterial wird das Spüren des eigenen Körpers verbessert [4]. Dies kann zu einer Reduktion von Muskelanspannung beitragen,  damit Schmerzen vermindern und zu mehr Wohlbefinden beitragen. Auch ein vorsichtiges  Beschweren des Körpers oder von Körperteilen mittels Decken und Kissen mit Sand-, Körner- oder Gelfüllung tragen dazu bei. In der letzten Phase des Lebens kann dies aber den Körper zusätzlich belasten.

Angelehntes
gemeinsames Sitzen

Eine Möglichkeit, eine bequeme Position herzustellen und gleichzeitig Körpernähe zu vermitteln, ist das angelehnte Sitzen oder „Kangarooing“, dass am besten durch enge Bezugspersonen, z.B. An- und Zugehörige aber auch andere vertraute Personen, durchgeführt werden sollte. Hierzu setzt sich die Bezugsperson im Pflegebett hinter den sterbenden Menschen und hält und stützt ihn und gibt ihm damit einen großflächigen Körperkontakt. Dabei wird mit Decken und Kissen die Position von beiden unterstützt. In dieser Position kann der Körper des Menschen mit Komplexer Behinderung leicht gewiegt werden oder ist ein gemeinsames Atmen möglich. Diese intensive Körpernähe gibt vielen Menschen im Sterben Sicherheit und Orientierung und hilft Schmerzen, Ängste und Unruhe zu  reduzieren [6]

Unbenanntes Projekt

Kangarooing [7]

Umgang mit Hilfsmitteln und Therapien am Lebensende

Hilfsmittel überprüfen
und Therapieziele anpassen

Menschen mit komplexer Behinderung sind häufig auf verschiedenste Hilfsmittel, wie Roll- und Therapiestühle, Lauf- und Stehgeräte, Korsetts, Orthesen und Lifter für Transfersituationen und verschiedenste Alltagshilfen angewiesen. Des Weiteren werden sie aus verschiedenen Gründen therapeutisch behandelt.

Bei schwerer Erkrankung und angesichts eines progredienten Verlaufes sollte kritisch überprüft werden, welche Hilfsmittel tatsächlich gebraucht werden und zu einer Verbesserung von Lebensqualität beitragen. Oft belasten Orthesen und Korsetts das Wohlbefinden, können drücken, einengen und Schmerzen verursachen. Ein Stehen wird nach und nach zu anstrengend für einen schwer kranken Menschen.

Genauso ist bei Therapien zu prüfen, in wie weit sie wohltuend und für die Lebenssituation eines Menschen sinnvoll sind. Immer müssen Therapieziele angesichts des sich verändernden körperlichen Zustand angepasst werden. Eine physiotherapeutische Behandlung sollte nicht mehr auf Kompetenzzuwachs ausgerichtet sein, sondern auf Wohlbefinden und Schmerzfreiheit. So können wichtige Ziele einer physiotherapeutischen Behandlung am Lebensende die Verbesserung der Atemsituation oder die Behandlung von Obstipationen sein, die als Nebenwirkung einer Opioid- bzw. Opiatgabe häufig auftreten.

Quellen

[1] Kortwinkel & Ludwig 2016, S. 236ff. [2] Debrunner 1971; Mink 1996; Klein-Vogelbach 2000 in LiN-Arge e.V. [3] LiN-Arge e.V. [4] Bienstein & Fröhlich 2004, S. 128 [5] in Anlehnung an Bienstein & Fröhlich 2004 [6] Walper 2016, S. 192 [7] in Anlehnung an Walper 2016



Literatur

Bienstein, Ch. & Fröhlich, A. (2004): Basale Stimulation in der Pflege (2. Aufl.). Seelze-Velber: Kallmeyer.

Kortwinkel, M. & Ludwig, T. (2016): Gut gelagert. Z. JuKiP – Fachmagazin für Gesundheits- und Kinderkrankenpflege 05 (05), S. 236-239.

LiN-Arge e.V.: LiN – Lagerung in Neutralstellung- Ein pflege-therapeutisches Lagerungskonzept. Definition. [Abgerufen am 25.03.2024]

Walper, H. (2016): Basale Stimulation in der Palliativpflege. München: Ernst Reinhardt