LiNKED

Ein roter Luftballon platzt und verspritzt blaue, gelbe und rote Farbe auf einem weißen Hintergrund.

Teilhabemomente ermöglichen

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Teilhabe im Lebensbereich Freizeit ermöglichen

Freizeit als zentraler Lebensbereich

Unter Freizeit kann die frei verfügbare Zeit verstanden werden, die im Idealfall individuell und selbstbestimmt gestaltet wird. Die freie Zeit bietet die Möglichkeit, persönlichen Interessen und Hobbys nachzugehen [1].

Freizeit lässt sich den Funktionen nach deutlich von der Arbeitszeit und gebundener Zeit (z. B. pflegerische Versorgung, Essens- und Schlafzeiten) abgrenzen und kann auch als Ausgleich zur Arbeit verstanden werden [2].

Gerade für Menschen mit (komplexen) Behinderungen besteht ein großer Bedarf an der Schaffung interaktiver und selbstbestimmter Freizeitmöglichkeiten, da die Teilnahme an Freizeitaktivitäten auch eng mit der Lebensqualität verbunden ist [3] und aktuell noch (zu) wenig Angebote bestehen, die diese Zielgruppe berücksichtigen.

Die Gestaltung und das Erleben von Freizeit sind geprägt durch eine subjektive Sinnzuschreibung und die Befriedigung individueller Freizeitbedürfnisse [4]. Wesentliche Bestandteile der Freizeit sind das Erfahren von Freude und Spaß bei Aktivitäten, Entspannung und Erholung sowie auch die Gestaltung sozialer Beziehungen. Freizeitaktivitäten können vielfältig sein und umfassen unter anderem Tätigkeiten im eigenen Zuhause, Unternehmungen in der Natur oder Besuche von kulturellen Angeboten und Veranstaltungen (→ Theoretische Grundlagen: Teilhabe an Kultur | Virtuelles Kulturhaus | Orientierungsplan: Teilhabe an Kultur) sowie Reisen und Erkundungen der Umgebung.

Gerade für Menschen mit komplexen Behinderungen ist es wichtig, dass ihnen Möglichkeiten eröffnet werden, um eigenen Interessen und Lieblingsbeschäftigungen nachgehen zu können. Darüber hinaus ist es relevant, ihnen die Möglichkeit zu geben, Neues kennenzulernen und den Erfahrungshorizont zu erweitern, sich weiterzubilden und zu entwickeln [5].

Da Freizeit also immer von individuellen Wünschen und Interessen abhängt, stellt sich der Anspruch an Unterstützer*innen, eine vertraute Beziehung zu Menschen mit komplexen Behinderungen zu entwickeln, die es ermöglicht, konkrete Interessen und Vorlieben, Bedürfnisse und Bedarfe zu erkennen und einschätzen zu können. Zudem bietet der Freizeitbereich die Möglichkeit, neue Erfahrungen zu machen und verschiedene Lebensbereiche zu erschließen. Daraus ergibt sich auch die Anforderung, Menschen mit komplexen Behinderungen in ihrer Orientierung im Sozialraum (→ Sozialraumorientierung) zu fördern und bestehende Freizeitangebote und -möglichkeiten der Stadt und Umgebung zu nutzen. Teilhabe im Lebensbereich Freizeit kann auch beinhalten, Teil geteilter Erfahrungen zu sein, z. B. indem gemeinsame Ausflüge unternommen werden, die zwischenmenschliche Begegnungen fördern, oder auch das Erleben einer Gemeinschaft ermöglichen, indem z. B. gemeinsam an Veranstaltungen teilgenommen wird, die Menschen mit und ohne Behinderungen besuchen.

Für das Handeln von Unterstützer*innen bedeutet dies, dass sie gefordert sind, im Handlungsfeld Freizeit eine Balance herzustellen zwischen bereits etablierten Freizeitaktivitäten, die der jeweiligen Person bekanntermaßen gefallen, und neuen Erlebnissen und Erfahrungen, die den Horizont der Teilnehmenden erweitern können.

Teilhabemomente im Lebensbereich Freizeit ermöglichen

Im Forschungsprojekt LINKED konnten verschiedene Prozessschritte identifiziert werden, die für die Planung und Durchführung von Angeboten zur Teilhabe von Unterstützer*innen genutzt werden. Diese Prozessschritte bilden einen Kreislauf der Teilhabeermöglichung.

Das Durchlaufen dieses Kreislaufs ist dabei nicht als einmaliges Vorhaben gedacht, sondern als zirkulärer, sich ständig weiterentwickelnder Prozess: Teilhabe entsteht im Tun, im gemeinsamen Ausprobieren, im Anpassen und manchmal auch im Verwerfen von Ideen.

  • Im Zentrum der Planung steht dabei der Mensch mit komplexen Behinderungen: Welche Fähigkeiten, Interessen, biografischen Erfahrungen, aber auch Bedürfnisse und Unterstützungsbedarfe bringt er mit? Was ist wichtig, damit ein Angebot gelingen kann?
  • Im Anschluss geht es darum, Ideen zu entwickeln und die Frage zu beantworten, woran überhaupt teilgehabt werden soll. Es geht darum, erste Ideen zu sammeln – ob aus eigenen Impulsen, Beobachtungen oder Wünschen der beteiligten Personen.
  • Nun wird es konkret: Wie lässt sich die Idee des Angebots mit den Voraussetzungen der Person zusammenbringen? Wo liegen Anknüpfungspunkte und Gestaltungsmöglichkeiten, sodass Teilhabe am Angebot ermöglicht werden kann?
  • Nach der Durchführung folgt die Reflexion: Was hat gut funktioniert? Was weniger? Was sollte angepasst oder verändert werden? Daraus entstehen neue Ideen – und der Prozess beginnt von vorn.

Vierstufiger Kreislauf mit Icons: reflektieren, Person im Blick, Ideen entwickeln, Möglichkeiten eröffnen.

Kreislauf der Teilhabeermöglichung

Die folgenden Reiter erläutern die einzelnen Prozessschritte des Kreislaufs der Teilhabeermöglichung. Zusätzlich sind für jeden Prozessschritt Reflexionsfragen zum Übertrag auf die eigene Praxis zu finden.

Rotes Lupensymbol über dem Profil einer Person mit Kontrollkästchen daneben, das eine Überprüfung oder Analyse symbolisiert.Die Person in den Blick nehmen

Im Zentrum der teilhabeorientierten Praxis stehen die Teilnehmer*innen der jeweiligen Angebote: Für die Planung von Freizeitangeboten stehen die Interessen des Menschen mit komplexen Behinderungen im Fokus.

Bei Menschen mit komplexen Behinderungen sind Interessen und Vorlieben häufig nicht unmittelbar erkennbar. Umso wichtiger ist es, eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen und auch auf kleinste Signale zu achten. Zugleich können Interessen nur entstehen, wenn Menschen die Möglichkeit haben, neue Erfahrungen zu machen. Unterstützer*innen spielen hier für Menschen mit komplexen Behinderungen eine zentrale Rolle als „Welt-Eröffner*innen“: Sie schaffen Zugänge zu bisher unbekannten Aktivitäten, Orten und Erlebnissen [7]. Auf diese Weise eröffnen sie Erfahrungsräume, in denen sich überhaupt erst persönliche Vorlieben und Freizeitinteressen entwickeln können. Freizeitgestaltung wird so zu einem fortlaufenden Such- und Abstimmungsprozess, indem regelmäßig neue Angebote gemacht werden können, Reaktionen aufmerksam beobachtet werden und Aktivitäten gegebenenfalls angepasst werden.

Menschen mit komplexen Behinderungen bringen nicht nur unterschiedliche Bedürfnisse und Bedarfe mit, sondern auch individuelle Fähigkeiten, Interessen und biografische Erfahrungen. Nicht alle diese Aspekte sind für jedes teilhabeorientierte Angebot unmittelbar relevant – dennoch ist es hilfreich, sich ihrer bewusst zu werden und gezielt auf diejenigen einzugehen, die für die Planung und Umsetzung eine Rolle spielen. Besonders zentral erscheinen dabei:

Persönliche und freizeitbezogene Interessen, Vorlieben und besondere Fähigkeiten

  • Welche besonderen Interessen oder Vorlieben hat die Person, für die ein teilhabeorientiertes Angebot geplant wird?
  • Welche (Charakter-)Eigenschaften hat die Person?
  • Was steigert (bekanntermaßen) das Wohlbefinden der Person? Was tut ihr gut? (z.B. soziale Kontakte, körperliche Nähe, Entspannung…)
  • Welche besonderen Fähigkeiten bringt sie mit?
  • Was sind möglicherweise besondere Bedürfnisse, die bei der Planung berücksichtigt werden sollten? (z.B. Unterstützte Kommunikation, spezielle Hilfsmittel, Anpassung der Umwelt…)

Individuelle kommunikative Möglichkeiten

  • Wie drückt die Person Zustimmung oder Ablehnung aus?
  • Wie bringt sie individuelle Wünsche zum Ausdruck?
  • Wie zeigen sich Bedürfnisse und Bedarfe (z.B. nach Nahrung, Ruhe…)?

Formen der Auseinandersetzung mit der (Um-)Welt

  • Wie nimmt die Person die sie umgebende Welt wahr?
  • Wie kann sie sich Prozesse oder Inhalte am besten erschließen? (z. B. durch ihre Sinne, durch den Umgang mit Gegenständen, durch Symbole)

Rote Strichzeichnung einer Glühbirne mit Menschenfiguren als Basis, die kollektive Ideen symbolisieren.Ideen entwickeln

Zentral ist die Frage: Woran soll überhaupt teilgehabt werden? Es geht darum, Ideen zu sammeln – ausgehend von eigenen Impulsen, Beobachtungen oder Wünschen der beteiligten Personen.

Im Lebensbereich Freizeit geht es darum, ein Spektrum an Freizeitmöglichkeiten zu ergründen, das zu dem Menschen mit komplexen Behinderungen und den individuellen Bedürfnissen und Bedarfen passend erscheint.

Folgende Fragen können für die Ideenentwicklung hilfreich sein:

  • Welche individuellen Interessen und Fähigkeiten hat die Person mit komplexen Behinderungen und was bereitet ihr Spaß?
  • Welche Angebote und Ressourcen bestehen in der Umgebung, anhand derer die Person Neues oder Anderes ausprobieren kann?
  • Wie kann die Person bestehende soziale Kontakte pflegen und neue Kontakte knüpfen?
  • Wie kann sich die Person, insbesondere nach einem anstrengenden Tag, entspannen und erholen?
  • Wie schaffe ich es, dass individuelle Interessen auch in gemeinsamen Aktivitäten Raum finden können?

Körperliche und geistige Erholung durch Entspannung

Beispiele im Sozialraum

  • Spaziergang im Wald und an weiteren ruhigen Orten
  • Besuch einer Therme (mit entsprechend barrierefreiem Zugang)

Beispiele im Häuslichen

Ausgleich von Anstrengungen durch Arbeit und Alltag

Beispiele im Sozialraum

Beispiele im Häuslichen

Erfahrungsmöglichkeiten erweitern

Beispiele im Sozialraum

  • Neue Orte mit Bus und Bahn besuchen
  • Besuch von Büchereien und Museen

Beispiele im Häuslichen

Selbsterfahrung und Besinnung

Beispiele im Sozialraum

Beispiele im Häuslichen

  • Meditative Klänge hören
  • Achtsamkeitsübungen wie Traumreisen

Soziale Kontakte und Austausch mit anderen Menschen

Beispiele im Sozialraum

  • Besuch eines Cafés
  • Besuch eines inklusiven Nachbarschaftstreffs
  • Einkaufen gehen

Beispiele im Häuslichen

  • Treffen mit Freunden und Verwandten
  • Gemeinsames Anschauen von Fotos & Austausch

Erfahrungen in sozialen Gruppen und Gemeinschaften

Beispiele im Sozialraum

  • Besuch auf dem Weihnachtsmarkt
  • Teilnahme an öffentlichen (Gemeinde)Festen
  • Besuch einer Sportveranstaltung

Beispiele im Häuslichen

  • Gemeinsames Kochen mit Aufgabenverteilung
  • Feste feiern (z.B. Geburtstag, Weihnachten)

(Gesellschaftliche) Mitwirkung

Beispiele im Sozialraum

  • Aktive Rolle bei Veranstaltungen (Begrüßen, Deko etc.)

Beispiele im Häuslichen

  • Eigene Ideen und Wünsche bei der Wahl von Freizeitangeboten einbringen
  • Mitbestimmung bei der Essensauswahl

Kulturelle Teilhabe und Traditionen erleben

Beispiele im Sozialraum

  • Konzert- oder Theaterbesuche (Virtuelles Kulturhaus)
  • Besuch einer traditionellen Veranstaltung, z.B. Schützenfest

Beispiele im Häuslichen

  • Dekorieren zu kulturellen Feiertagen
  • Musik aus verschiedenen Ländern hören

Drei Strichmännchen arbeiten zusammen, um vier ineinander greifende Puzzleteile zusammenzusetzen.Möglichkeitsräume eröffnen

Nun wird es konkret: Nachdem die individuellen Bedürfnisse und Bedarfe der jeweiligen Person reflektiert und erste Ideen für ein mögliches Angebot entwickelt wurden, stellt sich die zentrale Frage: Wie kann die Person ganz konkret teilhaben?

Einen hilfreichen Zugang bietet die Betrachtung von vier zentralen Dimensionen, durch die Teilhabe an Freizeit ermöglicht werden kann (-> Teilhabe verstehen). Die vier zentralen Dimensionen sollen mithilfe einer Beispielsituation zur besseren Nachvollziehbarkeit verdeutlicht werden.

Diagramm mit

Teilhabedimensionen

Folgende Fragen können hilfreich sein:

Mit-Wirken ermöglichen

  • An welchen Stellen und in welchem Maße kann die Person mit komplexen Behinderungen aktiv an dem Freizeitangebot oder der Aktivität teilhaben?
  • Welche Unterstützung benötigt die Person, um aktiv an dem Angebot teilzunehmen? (Hilfsmittel, Assistenz, Pausen, …)

Die Unterstützerin fragt Herrn Jansen beim Besuch des Tischtennisevents, ob er auch gerne Tischtennis spielen möchte. Als dieser die Frage bejaht, möchte die Unterstützerin ihm ein Mitwirken ermöglichen. Da Herr Jansen nicht sehen kann, erkundet sie mit ihm die gesamte Tischtennisplatte durch Handführung und verbale Anmerkungen. Auch der Tischtennisschläger wird mit den Händen erkundet und die Unterstützerin zeigt Herrn Jansen, wie er den Schläger hält und wie er den Tischtennisball treffen kann. Auch bei Spielbeginn begleitet sie Herrn Jansen und mittels Handführung lenken beide gemeinsam den Ball. Die Unterstützerin hilft ihm erneut dabei, den Schläger zu nutzen. Während des Spiels nutzt Herr Jansen den Schläger immer selbständiger, teilweise hilft die Unterstützerin noch nach. (Beispiel entnommen aus: Beobachtungsprotokoll_16:  43)

Eine Mutter mit Kleinkind im Kinderwagen steigt zu Herrn Schäfer und seiner Unterstützerin in den Bus. Die Mutter lächelt Herrn Schäfer zu und er hebt seine Hand. Die Unterstützerin sagt daraufhin: „Möchtest du der Familie zuwinken?“. Herr Schäfer lächelt und bewegt seine Hand zu einem Winken. Die Mutter erwidert dieses Winken und die Tochter das Lächeln von ihm. (Beispiel entnommen aus: Beobachtungsprotokoll_20: 16)

Mit-Erleben ermöglichen

  • Inwiefern entstehen innerhalb des Angebots Möglichkeiten für Interaktionen mit anderen Personen und gemeinsame Erfahrungen?
  • Mit welchen anderen Personen können diese Erfahrungen gemacht und geteilt werden?
  • Was könnte der jeweiligen Person das Gefühl geben, Teil von gemeinsamen Erfahrungen zu sein?

Herr Schäfer geht mit einer Gruppe bestehend aus seiner Mutter, seiner Unterstützerin, einer weiteren Teilnehmerin und einem Bekannten auf den Kramermarkt in Oldenburg zum Riesenrad. Alle wollen gemeinsam mit diesem fahren. Vor der Fahrt mit dem Riesenrad fragt die Unterstützerin: „Soll ich von euch allen ein Foto machen?“ Alle deuten Zustimmung an. Die Unterstützerin fotografiert die Gruppe vor dem Riesenrad. Während der Fahrt lächelt Herr Schäfer und streckt den Daumen nach oben. Die Unterstützerin fragt im Anschluss: „Na, hat dir das Spaß gemacht? Hast du alles von oben sehen können?“ (Beispiel entnommen aus: Videotranskript_63: 21ff.)

Mit-Entscheiden ermöglichen

  • An welchen Stellen können Entscheidungsspielräume geschaffen werden – auch auf basaler Ebene? (z. B. Auswahl der Freizeitaktivitäten, Ort und Zeitspanne, Begleitpersonen)
  • Auf welche Art und Weise kann eine Meinung oder Perspektive der Person in Entscheidungen hinsichtlich der Planung und Durchführung des Angebots einfließen?

Die Unterstützerin tippt auf dem Tablet und es erscheinen vier Felder. In jedem Feld ist eine andere Aktivität beschrieben und mit einem MetaCom-Symbol versehen. Sie hat das Tablet vor Herrn Schäfer auf die Rollstuhlablage gelegt und fragt ihn: „Herr Schäfer, was wollen wir heute machen?“ Sie zählt vier Optionen auf. Mit einem Pen für das Tablet wählt Herr Schäfer eine Option aus. Eine elektronische Stimme verbalisiert diese Tätigkeit. Herr Schäfer drückt nicht nur einmalig, sondern mehrfach auf diese Option. Die Unterstützerin verbalisiert seine Wahl und bestätigt, dass sie das auch unternehmen werden. (Beispiel entnommen aus: Beobachtungsprotokoll_20: 13f.)

Am Nachmittag spielen einige Mitbewohner*innen von Herrn Jansen gemeinsam Showdown (Tischtennisspiel für blinde Menschen). Herr Jansen wird gefragt, ob er die Gruppe begleiten möchte. Er signalisiert seine Zustimmung durch ein Lächeln und eine Vorwärtsbewegung seines Oberkörpers und entscheidet sich so, die Gruppe zum ersten Mal zum Angebot in der Turnhalle auf dem Gelände zu begleiten. Die Spielleiterin begrüßt alle Teilnehmenden und geht anschließend reihum, um die Reihenfolge des Spiels festzulegen. Dabei wendet sie sich auch Herrn Jansen direkt zu, legt kurz ihre Hand auf seine Schulter und wartet auf seine Reaktion. (Beispiel entnommen aus: Beobachtungsprotokoll 15., Pos. 36ff.)

Mit-Gedacht werden erfahrbar machen

  • Welche Maßnahmen können ergriffen werden, damit die Person als aktiver Teil des Angebots wahrgenommen wird?
  • Wie lässt sich das Zugehörigkeitsgefühl einer Person im Rahmen der Aktivität/Tätigkeit oder in Bezug auf die Interaktion mit Mitmenschen steigern? (z.B. durch gemeinsame Kleidung wie Trikots beim Sport oder andere Erkennungsmerkmale)
  • Inwiefern finden sich Wünsche, Vorlieben oder Interessen der Person im konkreten Freizeitangebot wieder?

Einige Mitbewohner*innen von Herrn Jansen gehen immer dienstags zu einem Tischtennisangebot für blinde Menschen. In der Wohngemeinschaft wird sich darüber am Tisch unterhalten. Dabei fragt eine Unterstützerin Herrn Jansen, ob er nicht auch Interesse hätte, gemeinsam mit der Gruppe am Angebot teilzunehmen. Da dieser zustimmend reagiert, begleitet er seine Mitbewohner*innen diese Woche zum Tischtennis. Dort wird er von der Unterstützer*in vor Ort als Teil der Sportgruppe wie die anderen Teilnehmer*innen mit seinem Namen und einem Handschlag begrüßt. (Beispiel entnommen aus: Beobachtungsprotokoll_16: 39)

Drei Personen sitzen an einem Tisch mit einer Glühbirne über ihnen, was ein Gruppen-Brainstorming symbolisiert.Reflexion des Angebots auf verschiedenen Ebenen

Ein zentrales Element teilhabeorientierter Angebotsgestaltung ist die kontinuierliche Reflexion. Denn nur wenn man Dinge tatsächlich ausprobiert, kann sichtbar werden, wo Anpassungen notwendig sind – oder was besonders gut funktioniert.

Die Reflexion kann dabei nach einem durchgeführten Angebot in Bezug auf Teilhabe auf mehreren Ebenen erfolgen.

  • Mit Blick auf die Teilhabe der Person
  • Mit Blick auf teilhabeermöglichende Rahmenbedingungen
  • Mit Blick auf das eigene teilhabeorientierte Handeln

Auf dieser Basis kann weiterüberlegt werden: Was folgt daraus? Eine Reflexion dient als Ausgangspunkt für eine Weiterentwicklung und Anpassung der Angebote.

Die Reflexion mündet in konkreten Schritten zur Weiterentwicklung des Angebots. Dafür lohnt sich – je nach Bedarf – ein erneuter Blick auf einzelne Phasen der Angebotsentwicklung.

Folgende Fragen können für die Reflexion hilfreich sein:

Reflexion des Angebots mit Blick auf die Teilhabe der Person

  • An welchen gestalterischen Aspekten des Angebots war die Person direkt beteiligt und traf eigene Entscheidungen?
  • Welche Anzeichen gibt es dafür, dass die durchgeführte Aktivität zum Wohlbefinden der Person beigetragen hat?
  • Welche Momente der Gruppenzugehörigkeit konnten in dem Angebot beobachtet werden?
  • Wurden die festgestellten (situativen) Bedürfnisse der Person (z.B. Ruhe und Erholung, Gesellschaft und soziale Kontakte) berücksichtigt?
  • Wenn es gelungen ist, die Interessen der Person in Gruppenaktivitäten einfließen zu lassen: Wie ist dies gelungen?
  •  …

Reflexion des Angebots mit Blick auf teilhabeermöglichende Rahmenbedingungen

  • Hat der Ablauf des geplanten Angebots reibungslos geklappt? Wo sind ggf. Änderungsbedarfe?
  • Waren meine Ressourcen (materiell, zeitlich, personell) ausreichend?

Reflexion des Angebots mit Blick auf das eigene teilhabeorientierte Handeln

  • Welche Rolle(n) nehme ich in Bezug auf das Angebot ein?
  • Wie wurden Interaktionen zwischen mir und der Person gestaltet?
  • Inwiefern wurden Interaktionen auch zwischen der Person und weiteren Beteiligten von mir unterstützt oder initiiert?
  • In welchen Momenten habe ich stellvertretend für die beteiligte Person gehandelt und entschieden? Aus welchen Gründen fanden diese Übernahmen statt und inwiefern kann dies in Zukunft minimiert werden?
  • Gibt es besondere Herausforderungen oder Barrieren, welche in Zukunft vermieden werden sollten?

Quellen

[1] Markowetz, 2016, S. 459 [2] ebd. [3] Heister et al., 2023, S. 269 [4] ebd., S. 27f. [5] Markowetz, 2021, S. 140 [6] in Anlehnung an Markowetz, 2000, S.13; Heister et al., 2024, S. 28 [7] Ziemski et al., 2024, S. 20

Heister, N., Zentel, P., & Köb, S. (2023): Participation in everyday leisure and its influencing factors for people with intellectual disabilities: A scoping review of the empirical findings. Disabilities, 3(2), 269-294.

Heister, N., Zentel, P., Köb, S. (2024): Freizeit von jungen Menschen mit geistiger Behinderung.  In G. Voigts & P. Zentel (Hrsg.), Kinder- und Jugendarbeit aus der Sicht von jungen Menschen mit geistigen Behinderungen, (S. 25-29). Weinheim Basel: Beltz.

Markowetz, R. (2000): Freizeit im Leben behinderter Menschen. Blind-sehbehindert, 120(3), 171-181.

Markowetz, R., (2016): Nachtrag zum Thema Freizeit für Menschen mit Lernschwierigkeiten. In: H. Schwalb & G. Theunissen, (Hrsg.), Inklusion, Partizipation und Empowerment in der Behindertenarbeit, (S. 214-217). Stuttgart: W. Kohlhammer GmbH.

Markowetz, R. (2021): Freizeitpädagogik: Freizeit inklusiv?!. In N. Hericks (Hrsg.), Inklusion, Diversität und Heterogenität: Begriffsverwendung und Praxisbeispiele aus multidisziplinärer Perspektive (S. 135-157). Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden.

Ziemski, A. Keeley, C. & Sansour, T. (2024): Teilhabe von Menschen mit komplexen Behinderungen. Annäherungen an ein multiperspektivisches Teilhabe-Verständnis aus Theorie und Praxis. Heilpädagogik, 39(4), 17-22.

Infografik zur Inklusion in Freizeitaktivitäten für Menschen mit komplexen Behinderungen, mit vier illustrierten Symbolen.
 

Download: Material „Teilhabe an Freizeit ermöglichen“ 
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